Die Pforte

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Lynx
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Die Pforte

Beitrag von Lynx » 30.11.2010 13:33

Und noch nen Wettbewerbstext. Ich bin solch ein Triebtäter.^^

Die Pforte

Der Dauerregen der letzten Tage hatte den breiten Pfad in einen Strom aus Matsch und Schlamm verwandelt. Nur ganz allmählich wichen die steten Fälle einem trüben Schleier. Die Feuchtigkeit kroch in jede Ritze und verlieh der leichten Meeresbrise einen beißenden Zahn.
Stina verzog das Gesicht, als ein Schwall zähen Matsches über den Rand ihrer Schuhe schwappte. Ein eisiger Schauer jagte ihr die Waden hinauf. Ärgerlich darüber, das Schlammloch nicht gesehen zu haben, entleerte sie einen Eimer mit Küchenabfällen in den Schweinetrog.
„Was für ein trübes Gesicht Ihr macht, holde Magd.“
Die warme Stimme ließ Stina herum fahren. Sogleich erhellte sich ihre Miene.
„Reijo“,
begrüßte sie den hochgewachsenen Mann. Sie hatte sein Kommen gar nicht bemerkt, obwohl jeder Schritt bei diesem Wetter ein schmatzendes Geräusch hinterließ. Er hatte die Unterarme auf den Schweinezaun gelegt und lächelte sie an.
„Was tut Ihr hier?“
„Euch besuchen“,
seine knappe Antwort war Balsam für ihre Seele. Ihre Wangen erwärmten sich ein wenig. Das Stupsen einer Schnauze holte sie jedoch in die Wirklichkeit zurück. Stina ließ die Schultern hängen.
„Ich fürchte, Ihr habt den Weg hierher umsonst gemacht. Meine Pflichten haben mich fest in ihrer Hand.“
Reijo schien sich davon nicht entmutigen zu lassen.
„Ihr würdet mich hier im Regen stehen lassen?“,
seine Stimme nahm einen schelmischen Ton an. Stina blickte mit geschürzten Lippen zu Boden.
„Bitte, ich...“
„Nein, ich bitte Euch!“,
unterbrach er sie,
„Lasst mich Euch wenigstens ein paar Minuten Eurer Zeit stehlen.“
„Ich muss mich ums Vieh kümmern“,
protestierte sie schwach. Reijo seufzte leise. Eine Weile standen sie schweigend vor einander. Stina fühlte sich unwohl in ihrer Haut. Nur zu gerne hätte sie ihre Arbeit nun vernachlässigt, um einige Momente mit Reijo zu genießen. In Gedanken suchte sie nach einer Lösung, um ihrem eintönigen Alltag zu entkommen.
„Um das Vieh, ja?“,
murmelte er plötzlich. Hoffend schaute Stina auf.
„Sagt, die Schafe, sind die momentan nicht auf der Winterweide?“
„Ja, wieso?“
Sie verstand nicht gleich, worauf er hinaus wollte.
„Nun, das ist doch auch Vieh oder etwa nicht? Ihr solltet vielleicht einmal kontrollieren, ob die Tiere genug zu fressen haben. Nach dem heißen Sommer sind die Wiesen schließlich sehr karg.“
Lächelnd fügte er hinzu:
„Es könnte ein schöner Spaziergang dorthin werden.“
„Bei diesem Wetter?“,
fragte Stina skeptisch.
„Nun gebt mir doch eine Chance.“
„Also gut“,
nickte sie. Warum sollte sie sich auch dagegen stäuben, zumindest ein wenig Abwechslung zu haben? Von Reijos stetem Lächeln begleitet, brachte sie den leeren Eimer zurück zum Stall. Dann wandte sie sich einem großen Sack voller Getreide zu. Der gute Weizen sollte den Tieren über die kalten Monate helfen. Glücklicher Weise hatte der Herr des Hofes reichlich davon eingekauft. So würde es nicht ins Gewicht fallen, wenn Stina heute schon ein wenig davon verfütterte. Eilig befüllte sie einen ledernen Beutel und kehrte damit zu Reijo zurück. Gemeinsam machte sie sich auf den Weg durch das Dorf und hinauf zur Weide.

„He, Stina!“
Die Bauernmagd wandte sich um. Hinter ihr stapfte Helvi durch den Matsch, eine Kanne Milch in den Händen haltend.
„Wo willst du hin?“,
wollte ihre ältere Schwester wissen.
„Rauf zu den Schafen.“
„Bei dem Wetter? Nun gut. Trödle aber nicht herum, ich brauche dich nachher noch in der Küche.“
„Ja ja...“,
antwortete Stina gedehnt. Im Grunde mochte sie Helvi, doch wenn es ums Kochen ging, führte sich diese wie eine allwissende Glucke auf.
„Ich verlasse mich auf dich!“,
rief Helvi ihr hinterher, als sie sich abwandte und das Dorf hinter sich ließ.

Schweigend gingen sie neben einander her. Stina fehlten schlichtweg die Worte, um ein Gespräch mit dem Mann an ihrer Seite zu beginnen. Ihm musste es ähnlich gehen oder aber er genoss die Ruhe. Von Zeit zu Zeit streifte Reijos Handrücken den ihren. Jede dieser Berührungen hinterließ ein angenehmes Kribbeln auf ihrer Haut. Wie nahe sie sich doch waren.

Die Schafe blökten freudig, als sie Stina erkannten. Anscheinend witterten sie das Futter in dem Sack. Von den Tieren umringt steuerte die Magd eine kleine, gedrungene Baumgruppe ab. Zwischen den knorrigen Pflanzen befand sich der Futtertrog. Früher einmal war dieser Trog ein kleines Ruderboot gewesen. Doch es war auf den Felsen am Ufer Leck geschlagen. Da es niemand im Dorf reparieren konnte, hatten die Männer es kurzerhand zu einem Trog umfunktioniert.

„Stina...“
Reijo stand auf der anderen Seite des Troges und hob die zum Schutz darüber gespannte Plane ein wenig an, um sie besser sehen zu können. Der Stoff war löchrig und faul. Vor einigen Jahren – vor glücklicheren Jahren – hatten die Kinder ihn dort aufgehangen und sich im Sommer hinein gelegt. Damals war die Welt noch so viel bunter.
Die Art, wie er ihren Namen aussprach entlockte ihr ein Lächeln. In seiner Stimme lag stets so ein warmer Unterton. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, dass er je hart oder gar zornig klang. Fragend hob die Magd den Blick. Lange schauten sie einander an.
„Du wirkst in letzter zeit so oft betrübt...“,
setzte er an, brach dann jedoch wieder ab, als er sah, wie das Lächeln wieder von ihren Zügen schwand.
„Der Alltag frisst Euch auf, das sieht man deutlich. Und deshalb möchte ich, dass Ihr mit mir kommt.“
„Reijo, ich...“,
Stinas Stimme versagte ihr den Dienst.
„Lebt Ihr dieses Leben etwa gerne?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich möchte, dass Ihr bei mir seid, jetzt, morgen, immer.“
„Reijo, wie soll das gehen? Ich... ich...“
„Ich liebe Euch.“
„Aber wie soll das gehen?“
Auffordernd hielt er ihr eine Hand hin.
„Komm mit mir. Ich werde es dir zeigen.“
Bereitwillig ergriff sie die Hand und ließ sich über die Weide führen.
„Was ist mit meiner Schwester?“,
wollte sie wissen.
„Ist es dein Leben oder das ihre?“
Sein Konter ließ sie schweigen. Er hatte Recht mit dem was er sagte. Und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, so wollte sie es auch. Sie wollte ihn an ihrer Seite haben, für immer. In seiner Nähe konnte sie dem Rest der Welt entfliehen, Kraft schöpfen und ihre Sorgen für eine Weile vergessen.

Der Seewind griff nach ihren Haaren und Kleidern, als sie über den Schafszaun kletterte. Seufzend blickte sie auf die raue See hinaus.

Reijos Hand spendete ihr trotz des widrigen Wetters wärme und Trost.
„Schau“,
sagte er sanft,
„Siehst du das Tor dort vorne? Wenn du durch diese Pforte trittst, wirst du frei sein. Du kannst dieses triste Leben hinter dir lassen und an meiner Seite bleiben.“
Nickend betrachtete Stina das Gebilde aus Licht, welches sich langsam aus der trüben Umgebung schälte. Nie zuvor hatte sie etwas so atemberaubend Schönes gesehen.
„Reijo...“,
murmelte sie und hielt seine Hand noch fester.
„Habt keine Angst, Geliebte.“
„Ich werde dann wirklich frei sein?“
„Ja. Alles was Ihr tun müsst, ist es wirklich zu wollen.“

Langsam setzte Stina einen Fuß vor den anderen. Der Wind frischte weiter auf und begann ihr Tränen in die Augen zu treiben. Vor ihr rauschte der Ozean, tief unter den steilen Küstenklippen.

Langsam tat sich die lichte Pforte vor ihr auf. Je näher sie ihr kam, desto langsamer wurde Stina, bis sie schließlich vor ihr stehen blieb.
„Ich liebe Euch auch, Reijo“,
wisperte sie. Dann trat sie hindurch.

Eine kurze Schwerelosigkeit empfing sie. Für einen Moment wachte Stina aus ihrem Traum auf. Der Wind riss an ihrem Körper, als wolle er sie zurück auf die Klippe heben, doch es war bereits zu spät.

Im nächsten Moment schloss Reijo seine Arme um sie.
Nur der Irrtum ist das Leben.
und das Wissen ist der Tod


-I believe whatever doesn't kill you simply makes you ... stranger.-

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