Nachgereicht: Kirschblütenkrieger | Hanabi

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Lynx
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Nachgereicht: Kirschblütenkrieger | Hanabi

Beitrag von Lynx » 17.02.2017 14:35

Attention, long vehicle!
Irgendwie habe ich mich dran festgeschrieben, die Hälfte wieder rausgestrichen, weiter gemacht und mich dabei dann auch immer mehr von der eigentlichen Kirschblüte entfernt. Naja, aber fertig geworden ist es jetzt wenigstens. Viel Spaß beim Lesen. Nehmt euch was zu Trinken mit. ^.^


Kirschblüten-Krieger

Sie hatten Nataschas Sachen aus dem Hotel geholt. Yamato hatte auch darauf bestanden, die Zimmermiete sofort zu begleichen. Anscheinend sollte Natascha hier wohl nicht weiter nächtigen. In wie weit das gut war, konnte sie nur schwerlich abschätzen. Aber immerhin hatte ihr Begleiter den Auftrag sich um sie zu kümmern von seinen... ja was eigentlich erhalten? Älteste hatten sie sich genannt. Das klang schwer nach irgendwelchen Anführern. Zumindest aber nach so gewichtigen Respektspersonen, dass Yamato ihr sicher nicht schaden würde. Während sie über ihren neugewonnenen Aufpasser und seine Ältesten sinnierte, führte Yamato sie weiter durch die Stadt. Lief er eigentlich überall hin? Zumindest jetzt hätte sie erwartet, dass er die Bahn nahm. Etwas erschöpft beschloss sie, diese Frage ein anderes Mal zu klären.
Natascha war erleichtert, als sie schließlich ein Apartmenthaus betraten. Es war sicher nicht billig, hier zu wohnen. Jedenfalls mutmaßte sie das aufgrund der Dinge, die sie im Vorfeld schon über Tokyo gelesen hatte. Dabei sah Yamato aber gar nicht danach aus, so viel Geld zur Verfügung zu haben. Wieder schossen ihr neue Fragen durch den Kopf und auch wenn er ihr nicht gerade sympathisch war, so hoffte Natascha in der nächsten Zeit zumindest ein paar Antworten zu bekommen. Nun aber begleitete sie ihn müde in das Treppenhaus. Sie war sich sicher, dass er mit voller Absicht nicht den Aufzug nahm, musste sich ihm aber fügen.
Yamatos Apartment war überraschend schlicht und auch nicht so groß, wie sie es erwartet hatte. Es gab nur eine kleine Kochzeile, ein Wohn- und Arbeitszimmer, ein Bad, fast genauso groß wie das Wohnzimmer und einen weiteren Raum, in dem wohl das Bett des anderen Fuchses stand. Ihr Gastgeber verschwand kurz in seinem Schlafzimmer und kam dann mit zwei Decken und einem Paar Hausschuhen zurück, die er ihr in die Hand drückte.
"Stell deine Sachen da ab", wies er sie an und deutete mit einem Kopfnicken neben die moderne, dunkelgraue Couch, "Hast du Hunger?"
Natascha beeilte sich, der Aufforderung nachzukommen und bejahte seine Frage, woraufhin er zwei Schalen mit Instantnudelsuppe aus dem Schrank holte und zubereitete. Mit einem kurzen Schmunzeln erinnerte Natascha sich an das typische Junggesellenklischee. Sie aßen, schnell und schweigend und schließlich verabschiedete Yamato sich ins Bad. Natascha versuchte zumindest ein wenig für Schönwetter zu sorgen, indem sie ihre Hashi abspülte und sich dann so ruhig wie möglich verhielt. Etwas unsicher ließ sie ihren Blick schweifen. Viele persönliche Dinge gab es hier leider nicht zu entdecken. Lediglich ein Foto stand im Regal. Es zeigte Yamato, zusammen mit einer anderen Frau. Sie hatte die Arme von hinten um ihn geschlungen und war bildhübsch. Beide lachten sie in die Kamera. Hatte der Fuchswandler etwa eine Freundin? Wie unangenehm, dass Natascha dann ausgerechnet bei ihm einquartiert worden war. Hoffentlich trug sie jetzt nicht auch noch deren Hausschuhe. Rasch wandte sie sich von dem Bild ab und ging zum Fenster, um Tokyos frühmorgendliches Lichtermeer zu betrachten. Dort verharrte sie, bis Yamato aus dem Bad kam. Wortlos wollte er in sein Zimmer verschwinden, doch Natascha hielt ihn auf. Trotz aller Müdigkeit brannte ihr eine Frage ganz besonders unter den Nägeln.
"Yamato?", fragte sie zaghaft, "Darf ich etwas fragen?"
Er blieb stehen und nickte.
"Heute Nacht, bei den Achttausend Sonnen, was war das? Also mit meinem Schwanz. Der... der sieht so normalerweise gar nicht aus!"
"Am Hof kann keiner verbergen, was er ist", antwortete er knapp.
"Ja, aber warum sieht mein Schwanz da so verkrüppelt aus?", sie zögerte kurz, "Und warum hast du gleich... zwei?" Als sie ihre Frage aussprach, wurde sie sich bewusst, dass der doppelte Fuchsschwanz sie tatsächlich noch mehr beunruhigte, als die fehlende Buschigkeit bei ihrem. Yamato schien innerlich zu seufzen, hielt sich aber zurück. Dennoch war seine Antwort nicht gerade nett, doch das lag dieses Mal nicht alleine an seinen Worten.
„Das liegt an dem, was du bist. Zero. Eine Null. Du hast keinen Rang unter den Wandlern, keinen Namen oder Titel. Du bist einfach… Nichts. Diesen Status bekleiden bei uns nur die Jüngsten, Neugeborene und Kleinkinder.“
„Und das bedeutet dann, dass du…?“
„Hai“, fiel er ihr auf seiner Muttersprache ins Wort und wandte sich ab. Er ging in sein Zimmer und schloss die Türe hinter sich. Ihr Gespräch war beendet. Noch immer etwas ratlos starrte Natascha auf die verschlossene Tür. Sie hatte keinen Rang, das hatten auch schon die Ältesten bei den 8.000 Sonnen an ihr bemängelt. Sie hatte nur eine grobe Vorstellung davon, was genau das bedeutete. Andererseits war die Bezeichnung Zero auch sehr eindeutig. Vor allem aber gab sie ihr das Gefühl, irgendwie unzureichend zu sein. Auf ganzer Linie. Resigniert und mittlerweile auch stark übermüdet zog sie sich ins Bad zurück, um eilig zu duschen. Dann bereitete sie sich mit den zwei Decken ein Nachtlager auf dem Boden. Sie zog sich aus und nahm ihre wahre Gestalt an. Wenigstens das war ihr endlich wieder vergönnt. Hier konnte sie so schlafen, wie sie es am Liebsten tat, ohne Angst haben zu müssen, dass jemand sie enttarnte. Mit der Nase hob sie die obere Decke an, kroch darunter und rollte sich dann zusammen. Eine Weile lag sie noch wach in ihrer kleinen Höhle und dachte nach. Doch schließlich fielen ihr die Augen zu.

Der nächste Morgen kam viel zu früh. Natascha erwachte, als die Yamatos Zimmertür hörte. Vorsichtig hob sie den Kopf und lugte unter der Decke hervor. Ihr Gastgeber starrte sie wortlos an. Was in diesem Moment wohl in ihm vorgehen mochte? Aus seinem Gesichtsausdruck konnte man es jedenfalls nicht ablesen. Einige Augenblicke lang herrschte wortlose Stille zwischen ihnen, bis Yamato schließlich das Wort erhob.
„Beeil dich“, gab er ihr im Befehlston zu verstehen, während er ins Bad ging. Hastig wandelte Natascha sich und zog sich an. Viel Zeit ließ er ihr nicht. Sie war gerade dabei die Decken zusammen zu falten, als er wieder zurückkehrte.
„Wir essen auf dem Weg zum Hof“, beschloss er. Ein Morgengruß war in seinen Augen wohl überflüssig.
„Wieder zu den 8.000 Sonnen? Was machen wir da?“, erkundigte sie sich.
„Sie werden dich testen wollen.“
„Testen? Wie meinst du das? Sie wissen doch schon was ich bin.“
Natascha zog die Stirn in Falten. Ihr Gastgeber seufzte leise, doch dieses Mal ließ sie ihm diese Äußerung nicht durchgehen.
„Hey, du brauchst jetzt nicht genervt zu tun! Wenn dich meine Fragen so stören, dann solltest du dir angewöhnen, mal ein paar mehr Informationen fallen zu lassen. Denn so wie es aussieht, wirst du mich noch eine ganze Weile ertragen müssen.“
„Du bist heute etwas kampflustiger. Gut, das wird vielleicht hilfreich für dich sein“, sagte Yamato von oben herab und ging zur Tür, um das Appartement zu verlassen.
„Yamato, was meinst du mit testen? … Yamato!“
Natascha protestierte vergeblich. Der andere Fuchs schwieg zu ihrer Frage und ließ sich auch sonst nicht wieder in ein Gespräch verwickeln.

Auf dem Weg zum Hof – natürlich gingen sie wieder zu Fuß – machten sie einmal kurz an einem kleinen Imbisstand halt, um dort ein paar nicht zu identifizierende, süßlich schmeckende Gebäckstücke zu kaufen.
Am Hof der Sonnen war bei Tag deutlich mehr los. Dutzende Geschäftsleute in grauen und schwarzen Anzügen schwirrten umher, wie die Bienen in einem Stock. Yamato wirkte mit seiner legeren Kleidung noch deplatzierter als in der Nacht. Doch auch jetzt schien das niemanden zu kümmern. Sie traten wieder ihre Zeitreise ins feudale Japan an. Als sie die messingfarbene Barriere überquerten, war Natascha wieder ein wenig unwohl, trotz dass sie wusste, was passieren würde. Irgendwie war ihr dieser Enthüllungszauber, oder wie man es auch nennen wollte, suspekt. Natürlich gab es auch jetzt wieder ein paar Zaungäste. Natascha war sich sicher, dass sie aus irgend einer Ecke das Wort Zero vernahm. Yamato brachte sie wieder zu dem kleinen Platz, auf dem sie in der Nacht den Ältesten begegnet war und bat sie kurz zu warten. Es dauerte nicht lange, bis er mit der schuppigen Frau zurückkehrte. Er überließ sie der Obhut der Älteren und zog sich auf die Stufen zurück, wo er im Schneidersitz Platz nahm. Natascha atmete einmal tief durch und blickte der Schuppigen danach fest in die Augen.
„Guten Morgen. Yamato hat gesagt ich solle hier getestet werden aber…“
Mit einem Kopfschütteln wurde sie zum Schweigen gebracht.
„Entspann dich einfach. Wenn du zulässt, was nun geschieht, dann wird es auch schnell vorbei sein“, sagte die Älteste sanft.
„Wie meinen Sie das? Was wird schnell vorbei sein?“
„Und schweig am besten“, fügte sie ein wenig bestimmter hinzu. Aus dem Ärmel ihres schwarzen Kimonos zog sie ein Pendel hervor. Das Gewicht daran war kunstvoll verziert und mit einem schimmernden Stein besetzt. Es sah aus wie ein Auge, um das sich eine Schlange oder ein Drache wandt. Natascha blieb nicht viel Zeit, dieses Artefakt zu betrachten, denn bereits einen Wimpernschlag später war ihr, als verschwimme das Bild vor ihren Augen. Ein seltsames Gefühl ergriff von ihr Besitz. Auch wenn sie noch nie etwas Vergleichbares gespürt hatte, fühlte es sich so an, als würde jemand versuchen in ihren Kopf einzudringen. Ihre Knie wurden weich und drohten nachzugeben. Das Blut rauschte in ihren Ohren.
„Nein!“, hörte jemanden schreien. Es war ihre eigene Stimme, die schrie. Eine unsichtbare Kraft warf sie nach hinten. Natascha landete unsanft auf dem Hosenboden. Ihre Augen tränten und es dauerte einen Augenblick, bis sie wieder ganz bei sich war. Die Schuppenfrau sah sie überrascht an.
„Was war das?“, fragte Natascha einigermaßen entsetzt.
„An für sich nichts Schlimmes. Wir versuchen es noch einmal. Bemühe dich dieses Mal, deinen Geist zu öffnen und dich nicht zu verschließen.“
Diese Antwort war unbefriedigend für die junge Wandlerin. Dennoch stand sie auf und stellte sich wieder gegenüber der Ältesten hin.
„Entspann dich und lass dich einfach fallen“, sagte diese ganz sanft. Erneut hielt sie ihr das Pendel vor die Augen. Die Reaktion erfolgte dieses Mal augenblicklich und ungleich heftiger. Natascha wurde erneut zurückgeworfen und schlug hart auf dem steinernen Boden auf. Ihr Blick war milchig getrübt.
„Aufhören!“, rief sie instinktiv. Arme und Beine eng an den Körper gezogen blieb sie liegen. Es hatte nicht wirklich weh getan und trotzdem fühlte sich ihr Körper an, als sei sie heftigen Qualen ausgesetzt worden.
„Bitte nicht“, wimmerte sie ungewollt auf Deutsch. Die Schuppige ließ ihr Zeit, wieder Herr ihrer Sinne zu werden. Bis dahin sah sie Natascha ernst und nachdenklich an.
„Das… das ist nicht gut“, sagte Natascha, als sich der weiße Schleier vor ihren Augen verflüchtigte. Die Schuppige ließ diese Feststellung unkommentiert. Eine kleine, unscheinbare Falte bildete sich zwischen ihren Augenbrauen.
„Wir werden etwas Anderes versuchen“, beschloss sie mit einem Hauch von Strenge in der Stimme, „Yamato!“
Der andere Fuchs reagierte sofort auf den Befehl. Er stand auf und kam zu ihnen. Seine Miene war ungebrochen ernst und einen Hauch abweisend, ganz so wie Natascha es schon von ihm kannte. Kurz wechselten die Schuppenfrau ein paar Worte mit ihm. Nickend ging er los. Es dauerte nicht lange, bis er mit zwei hölzernen Schwertern zurückkehrte. Eines davon warf er Natascha zu. Sie reagierte zwar, jedoch zu langsam. Das Holzschwert schlug ihr gegen die Fingerknöchel und fiel zu Boden. Na großartig, dachte Natascha und beugte sich herunter, um es aufzuheben. In diesem Moment spürte sie einen Schmerz in der Seite. Yamato hatte ihr in die Rippen getreten. Keuchend packte sie das Schwert und richtete sich auf.
„Geht’s noch?“, fuhr sie ihn an. Yamato ging nicht darauf ein. Wozu auch, die Situation war klar. Er schien darauf aus zu sein, mit ihr zu kämpfen.
„Na dann viel Spaß“, murmelte sie zu sich selbst. Sie hatte keinerlei Ahnung, wie man sich mit so einem Stockschwert verteidigen sollte. Zudem war sie nicht sonderlich scharf darauf überhaupt zu kämpfen. Mehr oder minder schützend hielt sie das Schwert vor sich. Yamato antwortete darauf mit einer kurzen, geschmeidigen Bewegung. Er traf sie an der Seite, genau dort, wo er zuvor hingetreten hatte.
„Au!“, entfuhr es Natascha und sah sich gleich mit dem nächsten Treffer konfrontiert. Dieses Mal schlug Yamato ihr seitlich ans Knie. Fließend glitt er an ihr vorbei und schlug erneut zu. Erst von hinten in die Knie, dann in ihr Kreuz. Hilflos sank Natascha auf die Knie.
„Man!“, protestierte sie und gab sich alle Mühe, den Schmerz herunter zu schlucken. Sie versuchte über die Schulter zu blicken und wieder aufzustehen, doch Yamato trat erneut zu. Dieses Mal zwischen ihre Schulterblätter, sodass sie nach vorne auf die Ellbogen fiel.
„Aufhören!“, keuchte sie, während sie mit den Tränen rang.
„Weitermachen!“, befahl die schuppige Frau streng. Yamato zögerte nicht, sondern trat ihr erneut in die Seite. Es fühlte sich an, als wollte er ihr die Rippen brechen. Natascha jaulte auf und schlang schützend die Arme um den Körper. Wehrlos lag sie am Boden. Weitere Schläge und Tritte prasselten auf sie ein. Es war demütigend. Ihr Gegner ließ nicht mehr zu, als dass sie wimmernd am Boden kauerte und darauf hoffte, dass es aufhörte. Nach unzähligen Schlägen war sie wie benommen. Ohne dass sie es noch wirklich wahrnahm, ebbten die Schmerzen irgendwann ab. War die Schuppige nun zufrieden und hatte Yamato befohlen aufzuhören? Oder driftete sie langsam in die Bewusstlosigkeit ab? Sie wusste es nicht. Zitternd und weinend blieb sie liegen. Die Zeit verstrich. Natascha fragte sich zum ersten Mal, ob ihre Reise eine gute Entscheidung gewesen war.
„Du hast dich genug ausgeruht. Steh auf!“, befahl Yamato nach einiger Zeit.
„Ich kann nicht“, wisperte Natascha. Im Moment war sie noch nicht einmal dazu in der Lage, ihm einige erboste Worte entgegen zu schleudern.
„Doch, du kannst“, widersprach er ihr. Sein Tonfall war unerwartet freundlich. Auch wenn er sie nicht berührte, klang er so, als wolle er ihr aufhelfen. Das verwirrte Natascha noch mehr als der Umstand auf Befehl frisch zusammen geschlagen worden zu sein.
„Mach die Augen auf. Heb deinen Kopf.“
Sie beschloss für den Augenblick den Anweisungen des anderen Fuchses zu folgen.
„Gut so. Und jetzt leg die Handflächen auf den Boden, damit du dich abstützen kannst.“
Irgendwie gelang es ihr, sich so wirklich aufzurichten. Einen Augenblick blieb sie noch am Boden sitzen. Mit dem Ärmel wischte sie sich die letzten Tränen aus dem Gesicht. Ihre Augen brannten und es gab keine Stelle an ihrem Körper, die ihr nicht weh tat. Unbeholfen und mit weichen Knien stand sie schließlich auf. Mit ihrer Kraft kehrte auch ihre Wut zurück. Ihrer Unsicherheit zum Trotz machte sie zwei schnelle Schritte auf die schuppige Frau zu.
„Was sollte das? Geht’s noch? Sie dreckiges…“
Sofort trat Yamato mit gezogenem Holzschwert zwischen sie.
„Maße dir nicht an Dinge zu beurteilen, die du nicht verstehst!“ Da war er wieder, der ernste Kotzbrocken, der auf sie herab blickte. Fort war alle Wärme von gerade.
„Was? Warum …“, die Situation überforderte Natascha. Sie verstand nicht, wieso er sie erst auf einen Befehl hin verprügelt, ihr dann geholfen und nun wieder zurückgestoßen hatte. Die junge Wandlerin rang mit den Tränen.
„Warum bist du so?“, blaffte sie den Fuchs an. Sein Blick blieb ernst und neutral, doch instinktiv spürte sie dieses Mal, dass es ihm ein wenig Mühe kostete, die Beherrschung zu wahren. Sein rechter Schwanz zuckte ganz leicht, während er ihre Frage totschwieg.
Auch die Schuppenfrau gab ihr keine Antwort. Mit kalten, geschlitzten Pupillen musterte sie Natascha, die immer mehr vor Wut bebte. Die Luft knisterte zwischen ihnen. Bevor Natascha den beiden jedoch Weiteres entgegen schleudern konnte, durchbrach ein leises Klingeln die brodelnde Stille. Von einer Sekunde zur Anderen verschwand die aggressive Spannung im Nichts. Yamato ließ das Schwert sinken und zog sein Telefon hervor.
„Das war das Labor“, erklärte er, als er die angekommene Nachricht las, „Es gibt keine Übereinstimmung mit unseren Datenbanken.“ Sowohl er, als auch die Schuppige musterten Natascha fragend. Doch darauf hatte sie auch keine Antwort. Sie war ja hier, weil sie sich diese Antwort von den anderen Gestaltwandlern erhoffte.
„Dieses Ergebnis überrascht mich nicht“, stellte die Älteste fest und Natascha war davon überzeugt, dass sie log, „Wir werden wohl etwas Anderes versuchen müssen.“
„Na danke“, giftete Natascha, wurde aber ignoriert.
„Wartet hier. Ich werde etwas vorbereiten lassen und euch dann rufen.“
Missmutig verschränkte Natascha die Arme vor der Brust, während Yamato schweigend und ergeben nickte. Die Älteste ging von dannen und er nahm beide Holzschwerter an sich. Ordentlich legte er sie neben sich auf den Boden und nahm im Schneidersitz Platz. Geduldig und völlig gleichgültig wartete er ab.
„Du musst dich nicht entschuldigen. Schließlich hast du nur blind auf Befehl gehandelt“, sagte Natascha verärgert. Im Gegensatz zu dem anderen Fuchs zog sie es vor ein wenig auf und ab zu gehen. Die weiße Spitze von Yamatos rechtem Schwanz zuckte leicht.
„Fühlt es sich irgendwie gut an, wenn man wehrlose Leute schlägt?“, setzte sie nach. Vielleicht war es nur Einbildung, doch es kam ihr so vor, als wurde das Zucken einen Hauch stärker.
„Es mag leicht sein, eine Situation zu beurteilen, die man nicht versteht“, gab er schließlich zurück.
„Was gibt es daran nicht zu verstehen. Sie wollte dass du mich verprügelst und das hast du getan. Du hast ja noch nicht einmal gezögert! Befehlsempfänger.“
„Du reagierst unbeherrscht, weil du die Situation nicht verstehst, Zero. Damit machst du es dir sehr einfach.“
„Was?“, seit wann saß sie denn jetzt auf der Anklagebank? Yamato blickte zu ihr hoch.
„Du verstehst nicht warum Sensei Mikuno den ungleichen Kampf angeordnet hat.“
„Ich verstehe vor allem nicht, warum du diesem Befehl so bereitwillig gefolgt bist.“ Er fiel Natascha schwer, nicht nach Luft zu schnappen.
„Es ist eine Ehre für mich, dass die Ältesten so viel Vertrauen in meine Loyalität und in meine Fertigkeiten legen. Aber das ist nicht die Antwort die du eigentlich suchst.“
„Du stehst auf diesen kryptischen Scheiß, oder?“
Sie seufzte resigniert. Konnte dieser Fuchs ihr denn gar keine klare Antwort geben?
„Ja, ich hab’s verstanden. Du bist eindeutig cleverer als ich. Würdest du dich dann jetzt vielleicht dazu herablassen, es mir zu erklären?“
„Sensei Mikuno wollte dich testen. Sie wollte sehen, ob sich bei dir bestimmte Fähigkeiten zeigen.“
„Und das macht es unbedingt erforderlich, dass du mich grün und blau prügelst?“
„Du bist eine von uns, Zero. Dein Körper wird sich schon bald geheilt haben.“
Natascha schnaubte. Doch zugleich feierte sie innerlich auch Yamatos kleinen Versprecher. Eine von ihnen. Dass gerade er das zugab!
„Und was passiert jetzt?“, fragte sie weiter.
„Du hast bei zwei Prüfungen versagt. Sie werden dich weiter testen wollen.“
„Na dann kannst du dich ja schon mal auf die Rückrunde freuen.“
„Denk nach. Würde das etwas bringen?“
Kleinlaut musste sie zugeben, dass er Recht hatte. Man hatte ihr auf diese Weise nichts entlocken können. Zudem war sie jetzt darüber im Bilde und ein solcher Kampf dadurch weit weniger bedrohlich als er es vorhin gewesen war.
„Darf ich dich noch etwas fragen?“
Yamato seufzte hörbar.
„Du fragst doch schon die ganze Zeit“, erinnerte er sie.
„Diese Sache mit der Ehre. Das meinst du nicht ernst, oder?“
Eine Antwort blieb er ihr schuldig. Stattdessen hüllte er sich wieder in Schweigen. Natascha hatte ein wenig das Gefühl, dass er sie einfach weg ignorierte, so lange bis die Schuppenfrau, Sensei Mikuno, zu ihnen zurückkehrte.
„Es ist nun alles vorbereitet. Folgt mir“, forderte sie die beiden Fuchswandler auf. Sie führte die zwei in eines der drei kleinen Häuschen.
Dämmriges Licht empfing Natascha, genauso wie eine angenehme Wärme. Es schien jetzt wohl ein Kontrastprogramm zu ihrer letzten Prüfung zu geben. Offenbar gab es in dem Häuschen nur einen einzelnen Raum. Zumindest konnte Natascha keine weiteren Türen ausmachen. In dessen Mitte gab es zwei konzentrische Kreise. Auf dem Äußeren konnte sie die vier klassischen Elemente erkennen: Zwei Schalen, eine mit einem brennenden Holzstück und eine mit Wasser gefüllt, ein paar Steine und ein Windspiel, das von der Decke herab hing. Der innere Kreis besaß ebenfalls vier Elemente, jedes zwischen zweien des äußeren Kreises platziert. Es gab ein kleines Gefäß aus dem stetig Wasserdampf aufstieg, eine flache Schale mit etwas das wie Ton oder nasse Erde anmutete, eine weitere Schale, in der scheinbar flüssiges Gestein warm vor sich hin glomm und zwei kleine Metallstäbe, zwischen denen ab und zu ein knisternder Blitz hin und her sprang. Genau in der Mitte der beiden Kreise lag ein Sitzkissen, daneben stand eine Schale mit Tee.
„Bitte, setz dich“, sagte Sensei Mikuno zu Natascha.
„Und dann?“, fragte diese.
„Setz dich“, wiederholte die Schuppige ihre Aufforderung.
Natascha tat wie ihr geheißen und nahm Platz. Den Tee rührte sie nicht an, sondern beäugte ihn nur misstrauisch. Ohne eine klare Aufforderung dazu, würde sie das Getränk nicht anrühren. Mikuno und Yamato bezogen irgendwo in den Schatten, an den Wänden des Raumes Position. Sie waren nicht die einzigen Anwesenden. Wie viele Augen genau auf ihr ruhten, konnte Natascha nicht sicher sagen. Einmal meinte sie einen großen, schwarzen Wolf an der Wand entlang laufen zu sehen. Was erwartete man nun von ihr? Sollte sie etwas Bestimmtes tun? Oder sollte nun etwas passieren? Ratlos saß sie da und wartete ab. Für den Augenblick war es ihr Recht, dass sich rein gar nichts tat und sie einfach nur sitzen musste. Niemand sagte etwas. Die Zeit verstrich. Irgendwann wurde sie müde. Es machte aber niemand Anstalten sie aus diesem Kreis zu entlassen oder überhaupt irgendetwas zu tun.
Natascha zuckte zusammen. War sie eingenickt? Falls ja, so hatten ihre Beobachter dies wohl nicht bemerkt. Oder man hatte ihr das durchgehen lassen. Unsicher sah sie sich um. Nach wie vor war aber kaum etwas jenseits der beiden Kreise zu erkennen. Ihre Beine kribbelten. Wie lange sie wohl schon hier sein mochte? Der Tee in der Schale dampfte jedenfalls nicht mehr. Sie beschloss, sich zusammen zu reißen. Vielleicht versagte sie bei dieser Prüfung ja nicht.
Wieder zuckte sie. Ihr Kopf fuhr mit einem Ruck nach oben. Dieses Mal konnte sie ein Gähnen auch nicht mehr unterdrücken. Hinter ihr wurden leise Worte gewechselt.
„Komm, Zero“, hörte sie plötzlich Yamatos Stimme. Er klang wieder gewohnt missmutig. Natascha gab sich Mühe, der Müdigkeit und ihrer eingeschlafenen Beine Herr zu werden. Etwas unsicher verließ sie die beiden Kreise und begleitete Yamato nach draußen. Zügig steuerte er den Aufzug an.
„Wo gehen wir hin?“, fragte sie erschöpft, bekam aber keine Antwort. Als sie wieder die Oberwelt und damit in gewisser Weise auch die Realität betraten, sah sie, dass es bereits dunkel geworden war. Sie hatten sich den ganzen Tag am Hof aufgehalten!
Es ging zurück zu Yamatos Wohnung. Das Schweigen ihres Gastgebers gab ihr Zeit zum Nachdenken. An ihrem Ziel angekommen machte Yamato wieder etwas Instantsuppe warm. Der Rest des Abends verlief im Grunde wie der frühe Morgen des Tages. Sie aßen, benutzten nacheinander das Bad und gingen dann schlafen. Erleichterung machte sich in Natascha breit, als sie sich endlich in Ruhe wandeln konnte. Kaum hatte sie ihre wahre Gestalt angenommen, begannen die Prellungen und blauen Flecken auch schon zu heilen. Morgen würde es ihr schon deutlich besser gehen. Bevor sie einschlief blickte sie lange auf die verschlossene Schlafzimmertür. Irgendwie wurde sie nicht schlau aus dem anderen Fuchs. War er nun ein Freund oder ein Feind? Immerhin war er wie sie. Doch das machte sie nicht gleich zu Verbündeten, dass hatte er sie deutlich spüren lassen. Er hatte nicht gezögert als man ihm befahl sie zusammen zu schlagen. Und er machte es auch oft genug deutlich, dass er nicht allzu viel von ihr hielt. Doch auf der anderen Seite ließ er sie auch nicht völlig am langen Arm verdursten. Und was war das für eine Samurai-Nummer mit der Ehre? Natascha grollte lautlos. Ihre Gedanken begannen sich im Kreis zu drehen. Sie konnte erst einschlafen, als die Müdigkeit ihren Tribut forderte und sie übermannte.
Nur der Irrtum ist das Leben.
und das Wissen ist der Tod


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Re: Nachgereicht: Kirschblütenkrieger

Beitrag von Lynx » 17.02.2017 14:35

Die kommenden drei Tage liefen alle nach dem gleichen Schema ab. Sie gingen zum Hof, Natascha wurde auf jede nur erdenkliche Weise geprüft, bis sie schließlich körperlich und geistig erschöpft war. Dann gingen sie wieder nach Hause und aßen mit einem Minimum an Gesprächen zu Abend. Besonders was seine eigene Position betraf, erwies Yamato sich als äußerst reserviert. Einzige Abwechslung war, dass sich ab und zu ein „Oh!“, in das Zero mischte, mit dem Natascha immer wieder bedacht wurde. Offenbar war die Nullnummer wirklich eine Enttäuschung auf ganzer Linie.

Auch am vierten Abend saßen sie zum Abendessen zusammen. Natascha rührte etwas lustlos in ihrer Instantsuppe. Ihr Kopf schwirrte noch von den geistigen Prüfungen, denen sie unterzogen worden war – mal wieder ergebnislos.
„Yamato, können wir heute einmal etwas Anderes machen?“
Ihr Gegenüber hob eine Augenbraue angesichts ihres fordernden Tonfalls.
„Können wir irgendwo jagen gehen?“, fragte Natascha gerade heraus.
„Ihr Leute aus dem Westen kennt keine Disziplin.“
„Nein, tun wir nicht. Und außerdem habe ich gewisse Bedürfnisse“, gab sie bissig zurück.
„Bedürfnisse?“, der herablassende Tonfall Yamatos war kaum zu überhören.
„Ja. Ob du’s glaubst oder nicht. Und im Moment habe ich das Bedürfnis endlich wieder einmal ausgiebig in meiner wahren Gestalt herum zu laufen. Und zu jagen!“
„Dies hier ist meine wahre Gestalt“, merkte Yamato trocken an. Natascha, die eigentlich hatte weiterreden wollen verstummte. Beinahe wäre ihr ein leises ‚Oh‘ heraus gerutscht. Daran hatte sie gar nicht gedacht. Irgendwie hatte sie vorausgesetzt, dass ihr Gastgeber auch ein Fuchsgeborener war. Einige Sekunden lang schwieg sie, doch dann pochte sie weiter auf ihren Wunsch.
„Nichtsdestotrotz würde ich gerne jagen gehen.“
„Es wären fast zwei Stunden Weg bis zu einem vernünftigen Revier. Außer natürlich du verstehst unter Jagen auch Tonnenplündern.“
„Nein. Und der Weg macht mir nichts aus.“

Nicht lange danach saßen sie beide in der U-Bahn. Yamato hatte letztendlich nachgegeben und war mit ihr losgezogen. Die Fahrt war schier endlos. Zu sehen gab es auch nichts, außer den Menschen, die offenbar nicht schlafen konnten oder es nicht wollten. Natascha unterdrückte ein gelangweiltes Gähnen. Hätte sie es nicht besser gewusst, wäre sie versucht gewesen zu glauben, dass sie die Stadt mittlerweile verlassen hatten. Doch Tokyo war gigantisch und so war es wohl kein Problem, sich stundenlang hier fahrend fort zu bewegen und dabei nicht mehr als das Stadtzentrum zu durchqueren. Sie begann schon an Yamatos Absichten zu zweifeln, als sie schließlich an einer nichtssagenden Haltestelle ausstiegen. Ihr Begleiter hatte bislang geschwiegen und ließ auch jetzt nur ein knappes „Ueno-Park“ verlauten. Bevor Natascha Fragen stellen konnte, hatten sie schon die Bahnstation verlassen und fanden sich tatsächlich am Rand eines Parks wieder. Die junge Wandlerin atmete tief ein. Es roch hier ganz anders als dort, wo sie untergekommen war. Die süße Note von blühenden Bäumen lag dezent in der Luft, würziges Gras und, ja, hier musste es auch Wasser geben. Ihre angesprochenen Sinne rüttelten sogleich auch ihre Neugierde wach und neugierigen Blickes folgte sie Yamato in den Park. Wie der Wind es ihr schon verraten hatte, entdeckte Natascha Bäume, einige von ihnen noch ein paar letzte Blüten tragend, Wege, die sich zwischen zierlichen Büschen und weitläufigen Wiesen entlang schlängelten. In einiger Entfernung glitzerte Wasser im Licht der Laternen. Mit so viel Schönheit und Frieden hatte Natascha hier, mitten in der Millionenmetropole ganz sicher nicht gerechnet. Staunend ließ sie sich von diesem Anblick gefangen nehmen, solange bis Yamato sich lautstark räusperte. Der andere Fuchs deute mit einem Kopfnicken auf einige im Schatten liegende Büsche. Offensichtlich war dies ein guter Ort, um sich unbemerkt zu wandeln. Das erinnerte sie auch gleich an den eigentlichen Grund ihres Herkommens. Sie würde endlich wieder jagen können. Eilig schlug sie sich ins Gebüsch, wenn auch mit einigem Abstand zu Yamato, und entledigte sich ihrer Kleider. Schnell nahm sie ihre wahre Gestalt an. Es war eine Wohltat, endlich wieder Gras und Erde unter den Pfoten zu spüren. Überschwänglich tänzelte sie zwischen den Büschen umher und trat schließlich auf eine der großen Rasenflächen hinaus. Eine leichte Brise strich ihr durch das Fell, als wollte sie ihr sagen, dass sie sie vermisst hatte. Natascha schloss die Augen und atmete tief durch. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte sie sich wieder wohl.
Ihr Instinkt meldete sich. Sie öffnete die Augen und blickte zur Seite. Yamato stand einige Meter von ihr entfernt und blickte sie aus weiten, goldenen Augen an, regungslos und mit einer unergründlichen Miene. Es war das erste Mal, dass sie ihn als Fuchs sah. Er war ein wenig größer als sie. Sein Fell war dunkler als ihres, nicht so leuchtend orangerot, sondern eher rotbraun. An einigen Stellen am Rücken war es grau durchzogen, fast so wie bei einem Brandfuchs.
Yamato löste sich aus seiner Starre und schloss zu ihr auf. Er schnupperte kurz an ihrem Halsband, welches ihr selbst dann blieb, wenn sie sich wandelte, und knurrte kurz missmutig. Doch diesmal wollte sie sich nicht von seinem Ego beeindrucken lassen. Sie schüttelte den Kopf und lief einfach los. Zwar verließ Yamato hinter ihr ein weiteres Mal seinem Unmut Ausdruck, jedoch kümmerte sie das nicht. Ihre Pfoten flogen regelrecht über das Gras. Für den Augenblick genügte es ihr, einfach nur zu rennen und die Umgebung mit all ihren Sinnen wahr zu nehmen. Natascha hielt auf einige Bäume zu, schlängelte sich durch das Unterholz und sprang übermütig über eine hoch stehende Wurzel. Herabgefallene Blütenblätter stoben auseinander. Hinter ihr gingen Yamatos Schritte im Rauschen der Natur unter. Wild und ungehalten preschte sie voran und ließ dem was tief in ihr ruhte freien Lauf. Schließlich nahm sie sogar ihren Mut zusammen und sprang auf das Geländer einer der Brücken, die über den Wasserlauf führten. Sie tänzelte einige Schritte darauf entlang und hielt dann plötzlich am höchsten Punkt der Brücke inne. Ein innerer Impuls ließ sie ins Wasser hinunter sehen. Aber was auch immer ihr Interesse geweckt hatte, es war nicht da. Der Himmel war bewölkt und es gab keinen Mond der aufs Wasser leuchtete. Nur ein paar ferne Laternen ließen das Wasser sanft glänzen. Das wenige Licht reichte auch nicht aus, um sie ihr eigenes Spiegelbild sehen zu lassen. Alles was sie erkennen konnte war die Finsternis, die unter der halbrunden Brücke herrschte und einen schwarzen Schatten auf das Wasser warf. Ein schwarzer Mond…
„Wolltest du eigentlich jagen, bevor du alle Tiere hier gewarnt und verscheucht hast?“, brummte Yamato.
„Spielverderber!“, gab sie zurück, folgte ihm aber.
Es dauerte nicht lange, bis sie eine Fährte aufgenommen hatten. Der Geruch einer Maus führte sie den Wasserlauf hinauf und schließlich durch die Deckung einiger Büsche. Yamato ließ Natascha den Vortritt. Nahezu lautlos pirschte sie dem kleinen Tier hinterher. Das Aufsetzen ihrer Pfoten ging im Rascheln des Windes im Gras unter. Ihre goldenen Augen erblickten die Maus und hielten sie fixiert. Eine wohlige Anspannung ergriff von ihr Besitz. Nur noch wenige Schritte, dann würde sie ihre Beute erreichen können. Die Maus hob plötzlich den Kopf und schnupperte nervös. Natascha erstarrte mitten in der Bewegung. Mit angehaltenem Atem wartete sie ab, bis sich das kleine Köpfchen wieder den schmackhaften Grassamen zuwandte. Vorsichtig wagte sie sich näher heran. Ihre Muskulatur spannte sich an. Noch einmal verharrte Natascha und hielt den Atem an. Dann drückte sie sich vom Boden ab. Mit einem riesigen Satz sprang sie auf die Maus zu.
Etwas blitzte in ihrem Augenwinkel auf. Noch mitten im Sprung drehte sie den Kopf. Ihre Hinterläufe überholten sie. Dem Gewirr aus Gliedmaßen ausgeliefert stürzte die Füchsin zu Boden, überschlug sich einmal und setzte sich schließlich verwirrt auf ihren Hintern.
Yamato lachte hinter ihr, erkannte dann aber ihren erstaunten Blick.
„Was ist denn jetzt schon wieder?“, murmelte er missmutig. Doch Natascha ignorierte ihn einfach. Wie gebannt starrte sie auf die Torii, die rot lackierten Tore aus Holz, zu ihrer Rechten. Etwas unsicher stand sie auf und ging darauf zu.
„Was ist das?“, murmelte sie mehr zu sich selbst, als an ihren Begleiter gewandt.
„Zero…“, Yamato klang genervt, wurde aber weiterhin ignoriert. Neugierig schritt Natascha durch den Torii-Tunnel. Jenseits ihrer bewussten Wahrnehmung lag etwas in der Luft und auch wenn sie es nicht zu fassen bekam, so lockte es sie doch zu diesem fremden Ort hin. Das was sie am Ende des Weges zu Gesicht bekam, ließ sie verwundert inne halten. Damit hatte sie nicht gerechnet.
"Yamato", fragte sie verunsichert, "Was ist das hier?" Steinerne Gesichter starrten sie an, einige schmunzelnd, andere grimmig wachend.
"Ein Schrein", antwortete Yamato hinter ihr.
"Aber das sind alles Füchse!", stellte Natascha nun deutlich aufgeregter fest. Um sie herum befanden sich einige Fuchsstatuen. Jede von ihnen trug bunte Tücher um den Hals.
"Ist eine davon... Bai Mianxi?", sie war sich nicht sicher, ob das nicht eine sehr dumme Vermutung war. Doch alles was sie von dieser Person, diesem Wesen, wusste war, dass sie irgendwie mit den Fuchswandlern zu tun hatte und über sie wachen sollte.
"Nein. Inari. Sie sind alle Inari."
"Inari...", der Name sagte Natascha nichts. Nachdenklich wog sie den Kopf hin und her. Yamato beschloss, ihr noch einen weiteren Wissenshappen hin zu werfen.
"Inari ist eine Gottheit aus dem Shinto. Kitsune sind ihre Boten. Solche Schreine wirst du in Japan überall finden."
Natascha nickte und ging dann auf einen kleinen Eingang zu. Irgendwie wurden ihre Schritte dabei langsamer, sodass sie sich fast ein wenig andächtig darauf zu bewegte. Immer wieder schaute sie dabei die Statuen um sich herum an.
"Und das hier?", erkundigte sie sich leise, als sie den Eingang passierte. Er führte in eine Art Höhle. Zu ihrer Rechten stand etwas, dass sie entfernt an einen Altar erinnerte.
"Das ist eine Höhle", war Yamatos knappe Antwort. Mit kraus gezogener Nase warf sie ihm einen Seitenblick zu. Das hatte sie auch schon bemerkt. Die Andeutung eines Grinsens jagte über das Gesicht des anderen Fuchses, doch es war zu kurz und zu vage, als dass sich Natascha dessen sicher sein konnte.
"Diese Höhle wurde künstlich geschaffen. Als man den Ueno Park erbaute, fand man hier einen Fuchsbau. Die hier lebenden Füchse mussten umgesiedelt werden. Ihnen zu Ehren hat man die Höhle und den Schrein gebaut."
Das klang unglaublich in Nataschas Ohren. Ein Schrein zu ehren einer Gottheit und eines Fuchses? Aber sie zweifelte auch nicht an Yamatos Worten. Vielmehr überraschte sie der Respekt, der dem ehemaligen Bewohner dieses Ortes hier erwiesen wurde. Sie setzte sich hin und reckte den Kopf, um all diese Eindrücke noch weiter auf sich wirken zu lassen. Zu viele Worte wären hier auch fehl am Platze gewesen. Nicht dass ihr Begleiter diese auch verloren hätte. Yamato wartete in respektvollem Abstand.
Plötzlich spannte Yamato sich an. Sein Fell sträubte sich. Auch Natascha merkte, dass etwas in der Luft lag. Ihr Ohr ruckte herum. Dort draußen war irgendetwas. Fragend schaute sie zu ihrem Begleiter herüber, ohne jedoch einen Laut von sich zu geben.
"Egal was ist, bleib hinter mir", knurrte der andere Fuchs nahezu unhörbar. Er machte kehrt und schlich zum Höhleneingang. Vorsichtig folgte Natascha ihm. Draußen erklang ein leises, heiseres Jaulen.
"Was ist das", hauchte Natascha, als sie aus dem Eingang hinaus spähten und einige gedrungene, graue Schatten umherlaufen sahen.
"Marderhunde. Feinde." Weiterer Erklärungen bedurfte es nicht. Zudem machte es Yamatos Tonfall mehr als deutlich, dass diese Tiere hier nichts zu suchen hatten. Eigentlich hatte Natascha erwartet, dass er nun irgendwie weiter in Richtung der Marderhunde prischen würde. Doch stattdessen baute der andere Wandler sich auf und trat mit einem tiefen Knurren ins Freie. Die Eindringlinge, in ihrer Gestalt irgendwo zwischen einem Waschbär und einem Dachs hängend, hielten sofort inne. Allerdings waren sie vom Auftreten des Fuchswandlers weit weniger beeindruckt als Natascha. In der Gruppe traten sie auf den Fuchs zu und umringten ihn halb. Es dauerte keinen Wimpernschlag, bis Yamato vor schoss und sich auf die Meute stürzte. Ein Knäuel aus Knurren, gefletschten Zähnen und herausgerissenen Fellfetzen bildete sich. Natascha, die nicht tatenlos zusehen wollte, sprang von der Seite einen der Störenfriede an. Sofort bekam sie Zähne und Krallen zu spüren. Der Marderhund riss an ihrem Pelz und versuchte sie zu Boden zu ringen. In dem Gewirr aus schwarzen und grauen Pfoten blieb ihr keine Zeit nachzudenken. Sie reagierte einfach nur noch. Der Geschmack von Blut legte sich auf ihre Zunge, doch sie wusste nicht, ob es ihr eigenes oder das ihres Gegners war. Aus dem Augenwinkel erkannte sie, wie Yamato sich anscheinend ein wenig Platz geschaffen hatte. Der Fuchs nutzte die Gelegenheit und warf sich gegen einen seiner Gegner. In diesem Moment blieb die Zeit einfach stehen. Natascha konnte gerade noch den Kopf drehen, um das Geschehen richtig zu erfassen. Sie wusste, diese Fahrlässigkeit würde der Marderhund mit einem derben Schlag quittieren. Dennoch starrte sie den anderen Fuchswandler erstaunt an. Yamato warf sich mit der Schulter gegen seinen Gegner. Dieser wurde von den Füßen gerissen und nach hinten geschleudert, viel höher und weiter, als es eigentlich hätte möglich sein dürfen. Der Marderhund flog durch die Luft, bis er an einen der Sockel der Inari-Statuen prallte. Das Knacken eines brechenden Rückgrads fuhr der jungen Füchsin durch Mark und Bein. Leblos sackte der Körper des Marderhundes zu Boden.
Natascha wurde hart an der Schnauze getroffen. Doch schon im nächsten Moment ergriffen ihre Gegner die Flucht. Der Tod ihres Kameraden hatte sie mit Angst erfüllt. Ein paar Jauler gellten noch durch die Dunkelheit, dann kehrte Ruhe ein.
"Nicht schlecht, Kirschblütenkrieger. Was war das?", die Wandlerin schüttelte sich einmal kurz und trat dann an die Seite ihres Begleiters. Ihre Worte waren vielleicht ein wenig flapsig gewählt, jedoch übertünchte das Adrenalin in ihren Adern diese Tatsache.
"Etwas, das man dir besser beigebracht hätte", knurrte Yamato finster. Sie war sich nicht sicher, ob sein Tonfall noch der Erregung des Kampfes geschuldet war.
"Komm. Die Jagd ist beendet."
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Re: Nachgereicht: Kirschblütenkrieger

Beitrag von Schneemaehne » 17.02.2017 23:55

Wow, da hat sich das Warten wirklich gelohnt! Vielen Dank, dass du diese Geschichte mit uns teilst. Muss sagen, ich kenne mich weder im feudalen, noch im spirituellen, noch im aktuellen Japan aus, fesseln tut es aber trotzdem. Vor allem weil der Leser genau so ratlos bleibt wie deine arme Füchsin. Meine Güte, an ihrer Stelle hätte ich den Flug nach Hause schon gebucht...
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Re: Nachgereicht: Kirschblütenkrieger

Beitrag von Lynx » 18.02.2017 08:11

Danke dir!
Wie schon im anderen Thread erwähnt, wenn irgendwo Fragen offen bleiben, wo du das Gefühl hast, dass ich das nicht mit Absicht getan habe, immer raus damit. Ich habe mittlerweile so viele Details und Infos im Kopf, bzw. auf dem Zettel, dass bei mir die Grenze zwischen Leserinformation und (Hinter-)Grundwissen allmählich verwischt.
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Re: Nachgereicht: Kirschblütenkrieger

Beitrag von Schneemaehne » 18.02.2017 23:02

Dann lege ich gleich mal los - ist das mit dem "Fuchsgeboren" was storyspezifisches oder ein Stück japanischer Folklore das ich einfach nicht kenne? ;)
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Re: Nachgereicht: Kirschblütenkrieger

Beitrag von Lynx » 19.02.2017 12:07

Fuchsgeboren ist im Endeffekt etwas Wandlerspezifisches. Die meisten Gestaltwandler pflanzen sich nicht unter einander fort, da dies zu den im Regelfall missgebildeten und zumeist auch geächteten Metis führt. Dementsprechend haben Gestaltwandler normalerweise einen menschlichen oder einen tierischen Elternteil. Natascha kam als Fuchswelpe auf die Welt, während Yamato (und die im nächsten Text vorkommende Mei) eine menschliche Mutter hatten. Im Regelwerk werden dafür dann so Fachbegriffe wie "homid" und Co. verwendet. Aber da Natascha das Regelwerk nie gelesen hat, spricht sie von Fuchsgeborenen oder Menschgeborenen und lässt dabei außer acht, dass es auch der Wandler-Elternteil sein kann, der den Nachwuchs zur Welt bringt.
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Re: Nachgereicht: Kirschblütenkrieger

Beitrag von Schneemaehne » 20.02.2017 02:24

Hui, das macht natürlich Sinn. Danke fürs Erklären!
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Re: Nachgereicht: Hanabi

Beitrag von Lynx » 24.02.2017 14:32

So, dann mache ich gleich mal weiter.

Hanabi

Tokyo war scheiße! Japan war scheiße! Sie hatte sich zwar keine festen Pläne oder Hoffnungen gemacht aber die letzten zwei Wochen waren schlichtweg... scheiße!
Sichtlich geknickt saß Natascha auf einer kleinen Steinmauer und starrte auf ihre Füße. Die Fratzen der Anderen mochte sie sich momentan nicht geben. Und Yamato würde noch früh genug zurückkehren, um sie mit neuen Schikanen der Ältesten zu behelligen. Seine Visage mochte sie momentan am wenigsten sehen. Am liebsten hätte sie sich irgendwo verkrochen, vielleicht im Ueno Park, beim Inarischrein. Der Gedanke daran ließ sie zunächst gar nicht wahrnehmen, dass sie Gesellschaft bekam. Erst als sich eine vorsichtige Stimme zu Wort meldete, schreckte sie ein wenig zusammen.
"Ist alles in Ordnung?", fragte jemand irgendwo neben ihr.
"Läuft!", Natascha machte sich nicht einmal die Mühe, den Blick zu heben. Es war eh nichts Gutes hier am Hof zu erwarten.
"Du bist Zero, oder?"
Da ließ jemand nicht locker. Natascha richtete nun doch den Blick auf die andere Person und hob eine Augenbraue. Wer sollte sie sonst sein? Ihr Mundwinkel zuckte leicht. Neben ihr stand ein Mädchen oder eine junge Frau. Es war schwer, ihr Alter abzuschätzen. Mit ihrem leuchtend gelben Top und der Häkelmütze wirkte sie vermutlich jünger, als sie in Wahrheit war. Was Natascha aber eigentlich irritierte, war die scheinbare Aufrichtigkeit im Gesicht der anderen Wandlerin. Sie sah wirklich neugierig aus. Das wurde auch von ihrem hin und her schwingenden, getigerten Schwanz noch einmal unterstrichen.
"Ja, ich bin die Nullnummer", antwortete sie weit grummeliger, als das Mädchen es wohl verdient hatte.
"Wenn dir der Name nicht passt, dann sag mir doch deinen Richtigen", sie ließ sich nicht von Nataschas Laune ins Bockshorn jagen. Natascha seufzte, sah aber ein, dass sich das Gespräch nur noch länger hinziehen würde, wenn sie jetzt Widerstand leistete.
"Natascha Freitag."
"Na- Natasu...", etwas ungelenk, mühte sich die Andere mit den Silben ab. "Das ist ein komplizierter Name. Darf ich dich trotzdem Zero nennen? Das ist viel leichter auszusprechen", musste sie feststellen.
"Es ist mir egal, wie ihr mich nennt."
"Ist es nicht."
"Was?"
"Ist es nicht", wiederholte das Mädchen noch einmal.
"Ja und? Kümmert doch keinen."
Die Andere rollte mit den Augen, "Yamato Nummer zwei..."
"Was? Was willst du eigentlich?", es kostete Natascha einige Mühe, das Mädchen nicht grob anzublaffen. Sie war ganz sicher kein zweiter Yamato. Überhaupt, wie kam die Andere darauf?
"Sieht es dein Dasein auch vor, einmal Spaß zu haben?", fragte die Andere gerade heraus.
"Spaß haben? So wie ich das sehe, habt ihr doch eine ganze Menge Spaß mit mir."
"Hör zu, ich muss nicht nett zu dir sein. Aber vielleicht möchtest du ja auch irgendwann mal etwas Anderes machen, als alleine vor dich hin zu brüten."
Natascha presste die Lippen zusammen. Meinte diese Wandlerin das wirklich ernst? Oder spielte diese Katze nur ein Spiel mit ihr, weil die anderen Späße über sie zu langweilig geworden waren? Mit kraus gezogener Nase blickte sie die Andere an. Einige Sekunden lang schwiegen sie einander an. Dann ergriff die fremde Gestaltwandlerin erneut das Wort.
"Heute Abend gibt es ein Hanabi. Kommt ihr zwei da auch hin?"
"Keine Ahnung. Yamato hat nichts verlauten lassen", das tat er ohnehin nicht, "Aber ich weiß auch gar nicht was das ist."
"Du hast noch nie ein Hanabi miterlebt? Dann musst du mit uns hin! Jeder geht da hin. Das wird toll."
"O-k...", antwortete Natascha gedehnt. Sie war sich nicht sicher, was sie da erwarten würde. Aber was auch immer ein Hanabi war, es löste zumindest einige Begeisterung in der Anderen aus.
"Hör auf zu zögern. Es wird toll! Außerdem... wenn die Gerüchte stimmen, dann muss Yamato zwar auf dich aufpassen. Aber das bedeutet nicht, dass du seinen Befehlen folgen musst, wie ein Schoßhund. Los, komm."
Sie hielt Natascha eine Hand hin. Mit der anderen Hand fischte sie ein Handy in neongelber Hülle und mit allerlei Gebimmel daran aus ihrer Tasche und begann, eilig ein paar Sachen einzutippen.
Immer noch skeptisch blickte Natascha sich um, als könne Yamato jeden Augenblick auftauchen. Der Gedanke war lächerlich, das wusste sie selbst. Also ergriff sie die ihr angebotene Hand. Sofort wurde sie mitgezogen.
"Mach dir keine Gedanken. Ich sage Yamato gerade Bescheid, dass du mit uns unterwegs bist."
Sie blieb noch einmal kurz stehen und grinste Natascha breit an.
"Übrigens, ich bin Keiko."

Die letzten Stunden waren geradezu an Natascha vorbei geflogen. Gemeinsam mit Akiko und Shiori, zwei weiteren Mädchen, bei denen Natascha sich nicht sicher war, ob sie auch zum Hof der Sonnen gehörten, waren sie und Keiko durch die Straßen gezogen. Alles war laut gewesen und bunt und vor allem auch ganz anders als das Tokyo, was sie bislang an Yamatos Seite kennen gelernt hatte. Im Grunde war der Tag ein einziges Durcheinander geworden und Natascha hatte noch gar nicht alle Eindrücke verarbeiten können, als es schließlich Abend wurde und sie eine riesige Menschenmasse nahe der Küste ansteuerten. Bevor sie sich ins Getümmel stürzten, machten sie noch kurz Halt, an einem kleinen Stand mit exotisch aussehenden Snacks. Keiko kaufte einige bunte Bällchen, die auf Holzstäbchen gespießt waren und überreichte Natascha einen der Spieße.
"Was ist das? Ampelbällchen*?", wollte Natascha wissen und roch erst einmal vorsichtig daran. Solche Speisen hatte Yamatos Junggesellenküche bislang nicht vorgesehen.
"Dango. Die sind gut", war die knappe Erklärung seitens Keikos. Aufgrund von Nataschas Zurückhaltung gegenüber des Essens ruhten nun alle Augen auf ihr. Akiko kicherte leise aber keinesfalls unfreundlich oder gar herablassend. Vorsichtig wagte Natascha einen Bissen zu probieren. Der Geschmack war seltsam aber nicht schlecht. Etwas in der Art hatte sie noch nie zuvor gegessen. Sie nickte mit vollem Mund, einfach um die neugierigen Blicke loszuwerden und auch, um nicht gleich ein komplettes Statement zu diesem Geschmack abgeben zu müssen. Shiori sagte etwas und Keiko übersetzte, dass sie Natascha wohl noch viel öfters mitnehmen müssten. Essend mischten sie sich unter die Menschen. War das jetzt das Hanabi? Natascha war sich nicht sicher. Zumal jeder einfach nur hier war und sich unterhielt. Bevor sie jedoch nachfragen konnte, deutete Shiori auf zwei Gestalten, welche durch die Menge flanierten und einen Platz suchten. Beide trugen sie traditionelle, schwarze Kimonos. Natascha erkannte Yamato sofort, trotz der ungewohnten Kleidung. An seiner Seite schritt die junge Frau von dem Foto entlang. Sie wirkte noch hübscher, als auf dem Bild und ihre Haltung hatte etwas Anmutiges. Ihr Blick glitt über die anwesenden Menschen und heftete sich an Natascha. Es konnte nicht länger als ein Sekundenbruchteil gewesen sein, doch die Wandlerin spürte, wie sich irgendetwas in ihr regte. Yamatos Begleitung setzte ein Lächeln auf und hakte sich bei ihm ein.
"Oh nein, nicht Mei", murmelte Keiko, "Yamato ist ja schon schlimm. Aber die beiden in Kombination... Ein Glück, dass wir nicht deren Kragenweite sind."
Sie warf den beiden einen finsteren Blick hinterher. Doch schon im nächsten Augenblick wandte sie sich wieder Natascha zu und grinste.
"Entschuldige, das war nicht nett von mir."
"Keiko. Sag mal, ..." ein lauter Knall unterbrach sie. Es klang wie eine Explosion. Schwefelgeruch drang in ihre feine Nase. Natascha sog erschrocken die Luft ein und machte dabei einen undefinierbaren Laut. Irgendwo am Himmel waren helle Lichtfunken zu sehen. Zwei weitere Explosionen folgten und mit einem Mal wurde alles ganz still um sie herum. Sämltliche Gespräche ebbten ab und die Blicke der Anwesenden richteten sich gen Himmel. Es dauerte eine Weile, bis das Feuerwerk begann.
Natascha kannte Feuerwerke von Sylvester aber so etwas hatte sie nie zuvor gesehen. Das waren nicht einfach ein paar Knaller, die hier bei Nacht und Nebel abgefeuert wurden. Bereits nach den ersten Raketen wurde Natascha bewusst, dass hier nach einer Choreografie Bilder in den Nachthimmel gezeichnet wurden. Riesige, leuchtende Feuerblumen schmückten den Himmel. Andächtig schauten alle hinauf. Von Zeit zu Zeit gab es auch Applaus. Und immer, wenn Natascha den Eindruck gewann, dass nun das große Finale erreicht sei, wurden weitere funkelnde Bilder in die Nacht gezaubert.
"Jetzt weißt du, was ein Hanabi ist", flüsterte Keiko ihr zu und legte ihr den Arm um die Schulter. Verstohlen wischte die junge Füchsin sich über den Augenwinkel.



*Ich weiß, eigentlich werden diese Dango eher zum Kirschblütenfest serviert. Aber irgendwie musste dieses Mal die "Tradition" dem Klischee-Bild weichen.
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Re: Nachgereicht: Kirschblütenkrieger | Hanabi

Beitrag von Schneemaehne » 26.02.2017 01:01

Hui, jetzt geht es doch mal bergauf für deine Arme ;) War schon am Rätseln welches Stichwort es werden würde, aber das Ende hat es klar gemacht. Dango ist sau lecker ;) Und ich mag deine Kätzin jetzt schon, auch wenn ich wohl eher die angelsächsischen Puccas im Kopf habe als das wie auch immer geartete japanische Pendant. Danke fürs Posten!
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Re: Nachgereicht: Kirschblütenkrieger | Hanabi

Beitrag von Lynx » 27.02.2017 09:32

Ja, es kann ja nicht immer nur alles doof sein.
Keiko ist nicht ganz das japanische Pendant aber das asiatische, sie ist eine Tigerin.

Zu den Dango: Hast du ein Rezept, das du empfehlen könntest? Ich hatte vor, die in naher Zukunft einmal selbst zu machen.
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Re: Nachgereicht: Kirschblütenkrieger | Hanabi

Beitrag von Schneemaehne » 27.02.2017 23:11

Also ich habe bisher nur Mitarashi-Dango ausprobiert und das Rezept hatte ich (wie fast alle jap. Rezepte) von Nekobento:
http://www.nekobento.com/?page=mitarashidango

Ein großes <3 für die Tigerin!
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Re: Nachgereicht: Kirschblütenkrieger | Hanabi

Beitrag von Lynx » 28.02.2017 11:10

Ok, das war auch meine Rezept-Seite (nur hatte ich wirklich die Ampelbällchen im Visier ^^) Aber schon mal gut zu wissen, dass das Rezept dort gut ist. Danke dir.
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