Feldpost

Selbstgetextetes und Selbstgemaltes...

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Lynx
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Re: Feldpost

Beitrag von Lynx » 10.04.2017 08:57

So, zum Start in die Woche gibt es etwas Lesefutter für euch...

Verehrte Fadenweber,

der Frühling ist über das Land gekommen. Wir sind schon seit einigen Tagen wieder unterwegs. Unsere Füße sehen sich bereits wieder den Müßiggang der Wintertage zurück. Wie schnell man sich doch an ein wenig Bequemlichkeit gewöhnt. Doch ich möchte Euch nicht mit solcherlei Empfindungen behelligen, gibt es doch weit Wissenswerteres zu berichten.
Unser Weg führte uns weiter die Handelsstraße entlang, gen Norden, wo wir irgendwann die Stadt Rist erreichen sollten. Die Gegend um uns herum hat sich weiter verändert. Graslandschaften mit engen Talmulden und kleinen Schluchten breiten sich vor uns aus. Vergessen sind die grünen Wälder ob der recht niedrigen Vegetation, die sich vor uns erstreckt. Wir haben die Faltlande erreicht. Wenn ich mich recht an Ingvars Karte erinnere, so wird uns dieser Anblick noch eine ganze Weile erhalten bleiben.
Auf unserer Route trafen wir recht nach etlichen ereignislosen Tagen an eine kleine Weggabelung. An für sich nichts Bedeutsames, wäre da nicht das Schild gewesen, welches in großen Lettern das "Heldensend" verkündete. Zu meiner Überraschung zeigte sich ausgerechnet Rondriss etwas zurückhaltend angesichts des Schildes. Doch Lorin und ich schafften es, ihn von unserer Neugierde zu überzeugen, nicht zuletzt auch, weil wir ja keine Helden sind. Also folgten wir der Weggabelung und erreichten nach kurzer Zeit ein einsames, etwas in die Jahre gekommenes Gasthaus. Auf dem Türschild begrüßte uns eine goldene Chimäre und nochmals der Name Heldensend. Sicherlich ein ungewöhnlicher Name für ein Gasthaus. Doch da die Sonne sich bereits dem Horizont näherte, beschlossen wir kurzerhand dort einzukehren. Das Innere des Gashauses empfing einen genau so, wie man es draußen schon erwartete. Alles war etwas alt, ein wenig schief aber dennoch intakt und auf eine urige Weise auch charmant. Weit weniger charmant wirkte jedoch der Besitzer, Gastwirt Barnabas. Er und sein Mündel Stefan hatten sicherlich lange keine Frau mehr zu Gast gehabt, jedenfalls sahen sie nicht danach aus. Dennoch empfing man uns recht höflich, servierte starkes Bier, Brot, süße Kartoffeln und eine rote Tunke dazu, deren Schärfe einen gleich noch mehr Durst verspüren ließ.
Gäste hatten sich nur sehr wenige hier eingefunden. Ich muss gestehen, zu meinem Glück. Denn es gab nur einen Schlafsaal im Heldensend und auf ein eigenes Bett bestehe ich dann doch. Neben uns waren zunächst nur zwei Streiter eingekehrt, die sich leise und diskret austauschten. Kurz nach uns traf eine weitere, kleine Gruppe ein, augenscheinlich zwei weitere Krieger und ein Adliger. Diese drei waren weitaus lauter und gesprächiger als die beiden anderen Gäste. Regelrecht großspurig erzählten sie davon, wie sie morgen in die Faltlande hinein aufbrechen und das dort hausende Monster, eine Chimäre, töten würden. Der Name Heldensend gewann in diesem Augenblick an Tiefe.
Für kleines Geld stellten die drei Glücksritter ihre Pferde im Gasthaus unter. In den ganzen Furchen und Schluchten der Faltlande wären die Tiere nicht sonderlich hilfreich. Irgendwie gewann ich hier den Eindruck, dass Gastwirt Barnabas die Tiere aber nicht wie vereinbart auf die Gästeweide bringen ließ. Jedenfalls lauschten wir noch eine Weile den klangvollen Schilderungen der drei Monsterjäger und begaben uns dann zur Ruhe. Unser Plan ihnen am nächsten Tag zu folgen war bereits gefasst.
Der Morgen kam - und verstrich auch wieder. Wir konnten uns Zeit lassen, denn die drei Glücksritter waren primär damit beschäftigt, ihren Rausch auszuschlafen. Erst am späteren Vormittag brachen erst sie und wenig später auch wir auf.
Der Weg durch die Faltlande erwies sich als beschwerlicher, als wir zunächst angenommen hatten. Solange wir parallel zu den kleinen Schluchten liefen, kamen wir zügig voran. Problematisch wurde erst das Über- und Durchqueren der Furchen. Den Rest des Tages waren wir bemüht, der anderen Gruppe zügig und doch unbemerkt zu folgen. Unser Nachtlager schlugen wir im Schutz einer kleinen Schlucht auf, um nicht durch einen Feuerschein im offenen Feld auf uns aufmerksam zu machen. Jedoch sollte uns keine ruhige Nacht beschert werden. Mitten in der Nacht riss Lorin uns alarmiert aus dem Schlaf. Ein beunruhigendes Rauschen war wohl an sein Elfenohr gedrungen. Von einer düsteren Vorahnung gepackt ergriffen wir eilig unsere Taschen und erklommen die steile Felswand. Keine Sekunde zu spät wie sich herausstellte, denn wir erreichten gerade die rettende Ebene, als unser Lagerplatz von einer dunklen Flut davon gerissen wurde. Nach wenigen Augenblicken dämmerte es uns, wo der Strom so plötzlich her kam. Barnabas hatte uns indirekt sogar gewarnt, in den Bergen taute es und laut dem Gastwirt hatte es dort vor Kurzem auch stärker geregnet. Von diesem Schrecken wach gerüttelt, errichteten wir ein zweites Lager. Ich konnte kaum die Hand vor Augen sehen und doch gelang es meinen Gefährten ein neues Feuer zu entfachen. Durch den Schrecken saßen wir noch eine Weile ruhelos zusammen. Schließlich begaben Lorin und ich uns doch nochmal zur Ruh', um vielleicht noch ein wenig ausgeschlafener zu sein. Rondriss hingegen hielt weiter Wache. Als wir im Morgengrauen erwachten, wusste uns der Elf von einem Feuerschein in der Ferne zu berichten. Wir waren also weiterhin auf dem richtigen Weg.
Ein gemütliches Frühstück gab es leider nicht, da einige wilde Hunde darauf bestanden unser Proviant mit ihnen zu teilen. Zum Glück ließen sie sich mit einem brennenden Holzscheit und einem gezielten Schuss von unserem wildnisskundigen Lorin vertreiben. Spätestens jetzt war jedem von uns bewusst, die Faltlande sind ein feindseliges Pflaster.
Etliche Stunden durchwanderten wir die Gegend, bis uns schließlich an einer Felswand ein gähnendes Loch auffiel. Es handelte sich um einen Höhleneingang und zu unserem Glück gab es sogar einen schmalen Grat, fast so etwas wie einen Pfad, der dort hinein führte. Rondriss schätzte, dass dies auch ungefähr die Stelle sein könnte, an der er in der vergangenen Nacht das Feuer gesehen hatte. Also beschlossen wir, alles einmal vorsichtig in Augenschein zu nehmen.
Es stellte sich heraus, dass nur der Eingang in den Fels noch wirklich naturbelassen war, die dahinter folgenden Meter schienen grob behauen zu sein. Sogleich stellte sich uns die Frage, ob hier wirklich die drei Glücksritter gewesen waren oder das Leuchten vielleicht doch einen anderen Ursprung gehabt hatte. Eines stand jedoch fest, für eine monströse Chimäre war dieser Unterschlupf sicher zu klein. Wir entzündeten eine Fackel und wagten uns leise vor. Nach wenigen Metern wurde die Höhle deutlich breiter und mündete in einen rundlichen Raum. Was wir hier vorfanden überraschte uns ein wenig. In diesem Unterschlupf schien Diebesgut gelagert zu werden. Ein paar Waffen, zwei Kisten, Rüstungsteile, sogar eine schlafende Geisel fanden wir vor. Selbstreden erregte besonders Letzteres unsere Aufmerksamkeit. Wir weckten den doch recht mitgenommenen Mann und nahmen ihm den Knebel aus dem Mund. Anfangs noch sehr verwirrt stellte er sich als Lenn von Silberwasser vor. Ein Adliger also, jedenfalls dem Namen nach. Er schilderte uns kurz die misslichen Umstände seiner Gefangennahme. Vor ein paar Tagen war er Banditen in die Arme gelaufen, die sich wohl die Gerüchte um die Chimäre zunutze machten und unachtsame Monsterjäger überfielen. Mit dem Herrn von Silberwasser wollten sie ein Lösegeld erpressen.
Meinen Gefährten lag sofort der Umkehrschluss auf der Zunge, dass die Chimäre gar nicht real sei. Doch weit gefehlt, der Herr von Silberwasser hatte das Untier höchstselbst gesehen. Auch er hatte an ihrer Existenz gezweifelt und sich mit einer kleinen, jedoch äußerst kampftauglichen Expedition auf die Suche begeben. Zu seinem Unglück hatten sie nicht nur die Chimäre aufgespürt, sondern auch umgekehrt. Ein Großteil seiner Begleiter wurde getötet. Gemeinsam mit den Überlebenden war Herr von Silberwasser dann den Banditen in die Arme gelaufen. Um sich nicht zu sehr mit Gefangenen zu beladen, hatten diese nur die gewinnbringendste Person am Leben gelassen.
Herr von Silberwasser bat uns nun, ihn zurück zu seinem Heim in Rist zu begleiten. Die große Stadt war ohnehin einer unserer nächsten Anlaufpunkte und die Aussicht auf eine angemessene Entlohnung steigerte unsere Beschlussfreudigkeit erheblich. Wir mussten ihm ja nicht erzählen, dass Rist sowieso unser Ziel war. Über die Höhe der Bezahlung war man sich schnell einig, jedoch wollten Lorin und Rondriss nicht sofort aufbrechen. Auch wenn es dem Herrn von Silberwasser nicht behagte, so wollten sie doch den Banditen eine Falle stellen. Also harrten wir erst einmal in der Höhle aus. Waffen gab es hier ja genug, um sich daran bedienen zu können.
Nach einigen Stunden waren dann endlich Stimmen von draußen zu hören. Kampfbereit bezogen wir Position. Zu unserem Leidwesen schienen die Banditen den Braten aber gerochen zu haben. Zumindest bemerkten sie, dass Herr von Silberwasser nicht mehr an seinem Platz lag. Nach einigem Hin und Her versuchten sie ihn und damit auch uns auszuräuchern. Verzweifelt darum einen Ausweg aus dieser Situation zu finden, schickten wir den ehemaligen Gefangenen vor und hofften, dass er die Banditen lange genug ablenken würde, dass zumindest einer meiner Begleiter den schmalen Pfad hinauf stürmen konnte. Ich selbst war die Letzte, die hinauf laufen würde. Dementsprechend war das kurze Gefecht bereits vorüber, als ich die Kante der Schlucht erreichte und hinauf auf die Ebene stieg. Insgesamt waren es fünf Banditen gewesen, einer von ihnen schon fast unmenschlich groß und mit einem Kiefer breit wie kleiner Kessel. Drei von ihnen lagen tot am Boden. Die anderen beiden ergaben sich, waren aber augenscheinlich so schwer verletzt, dass Rondriss beschloss, sie von Ihrem Leid zu erlösen. Der Herr von Silberwasser erwies uns seine Dankbarkeit, indem er sich sowohl als heil- als auch als zauberkundig erwies und meine beiden Gefährten von den eingesteckten Wunden heilte. Nun war es also heraus, der gute Mann war nicht nur von Stand, sondern obendrein auch noch ein Magier. Noch wollten wir ihm aber nicht erzählen, dass wir im Grunde auf der Suche nach einem wie ihm waren, um Rondriss von seinem Dasein als Werwolf zu befreien. Stillschweigend einigten wir uns darauf, ihn bis auf weiteres im Unklaren darüber zu lassen, dass wir von ihm vielleicht noch einen Gefallen erbitten würden, sozusagen eine kleine Zahlungserweiterung.
Nun, da die direkte Gefahr gebannt war, geriet unser Magier gleich noch ein wenig mehr in Aufbruchsstimmung. Kurz erwähnten wir noch, dass wir ja eigentlich die anderen Glückritter einholen und warnen sollten, doch die Bezahlung unseres Schützlings bewog uns dazu, sogleich aufzubrechen. Man kann eben nicht jeden vor seinem selbstgewählten Tode bewahren.*
Also machten wir uns auf den Rückweg zum Heldensend. Einen Teil der Beute aus der Höhle nahmen wir mit uns und boten sie Gastwirt Barnabas zum Kauf an. Dabei spielte Rondriss ein wenig auf Risiko und ließ durchblicken, dass wir leider gezwungen waren, die Bezugsquelle für solcherlei Handelsgüter abzuschneiden. Der Plan ging auf, denn tatsächlich handelte der Wirt nicht nur mit den zurückgebliebenen Pferden, sondern auch mit der Ausrüstung der überfallenen Abenteurer. Im Gegenzug für unsere Verschwiegenheit bezüglich der falschen Chimäre, machte er uns einen ausgesprochen guten Preis für die herrenlose Ausrüstung. **
Wir blieben noch einen Tag im Heldensend, dann wollten wir mit gefüllten Bäuchen und Beuteln sowie mit vom Magier für einen Spottpreis erstandenen Pferden aufbrechen.

Unser nächster Halt sollte Rist sein. Bis dahin verbleibe ich

Hochachtungsvoll,
Eure kleine Spinne



*Stellt euch an dieser Stelle einfach einen gespielten Seufzer der Bardin vor...
**Ja, diese Gruppe zeigt zwischenzeitlich eindeutig egoistische und böse Tendenzen. Ich find's super!
Nur der Irrtum ist das Leben.
und das Wissen ist der Tod


-I believe whatever doesn't kill you simply makes you ... stranger.-

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Re: Feldpost

Beitrag von Schneemaehne » 17.04.2017 23:08

Hui, es geht weiter! Gefällt mir sehr, wie deine Gruppe das gelöst hat - und das auch offenbar der Herr von Silberwasser kein Problem mit dem doch etwas krummen Deal hat. *lach* Weiter geht's nach Rist! *hibbel*
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