Entzug

Selbstgetextetes und Selbstgemaltes...

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Lynx
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Entzug

Beitrag von Lynx » 22.06.2016 12:53

Kurz vorab:
Ich splitte den Text ein wenig, weil er doch grade länger wird, als ursprünglich geplant. Selina kennt ihr ja schon, ihren Ex aber noch nicht. Eigentlich sind Tremere und Assamiten so etwas wie Todfeinde. Aber diese zwei haben damals als sie sich kennen lernten nach ca. 5 Minuten lauern und umkreisen gemerkt, dass sie viel besser mit einander können, als gegen einander.
Viel Spaß!



Der andere Vampir umkreiste sie, auch wenn er wusste, dass er ihr so nicht einmal ein Wimpernzucken entlocken konnte. Auch das Lächeln, mit dem er seine Fangzähne entblößte, entfachte auf Selinas Gesicht keinerlei Regung.
"Shawn, ich habe dich nicht aus persönlichen Gründen aufgesucht", warf Selina möglichst gleichgültig in den Raum.
"Nein, natürlich nicht", das Lächeln des Angesprochenen wurde breiter.
Innerlich seufzend zückte die Vampirin ihr Mobiltelefon und spielte die Nachricht von Mr. Fox ab.
>> Doktor Kassle, ich möchte, dass Sie Ihren schwertschwingenden Kontakt reaktivieren. Es wird Zeit zurück zu schlagen. <<
"Na wenn das so ist. Dann ist es wohl wirklich einzig deiner Pflichtversessenheit zuzuschreiben, dass du mich so schnell aufgespürt hast", er umkreiste sie. Selina hörte, wie der dabei tief die Luft einsog.
"Spar dir das", knurrte sie, vielleicht einen Hauch zu aggressiv.
Shawn hatte sie mittlerweile einmal umrundet und stand nun vor ihr. Vorsichtig fasste er ihre Sonnenbrille an den Bügeln und nahm sie ihr ab. Selina stand weiterhin regungslos da. Er würde nun wohl unweigerlich die Wahrheit in ihren Augen erkennen können. Doch das hätte sie so oder so nicht verhindern können. Bei einer Gegenwehr, hätte sie sein Interesse genauso geweckt. Also fügte sie sich der Situation, ohne Widerstand zu leisten. Der andere Vampir blickte ihr tief in die Augen. Das Funkeln darin erkannte er sofort.
"Warum sagst du mir nicht einfach, dass du meine Hilfe brauchst?", so neckend die Wahl seiner Worte klang, so ernst wurde ihr Gegenüber plötzlich. Er erkannte, dass Selina ganz offensichtlich nicht nur zum Spielen gekommen war.
"Ich brauche sie nicht", gab die Tremere nüchtern zurück.
"Und was sagt dein Boss dazu?", mit einem Kopfnicken deutete er auf die vom Wolfsblut funkelnden Augen.
"Du weißt doch gar nicht wer mein Boss ist", entgegnete sie so unbeteiligt wie möglich.
"Tremere...", ließ er augenrollend verlauten. Er hob eine Hand und strich ihr mit den Knöcheln über die Wange.
"Lass das", knurrte sie. Es wurde immer schwieriger, die Beherrschung zu wahren.
"Du bist wieder voll drauf, oder?", natürlich spürte er wie sie innerlich tobte.
Eine Weile schwebte die Frage unbeantwortet im Raum. Doch schließlich nickte Selina stumm. Es war eine kleine, fast unmerkliche Geste, die Shawn dennoch erkannte.
"Ich werde dir helfen und danach auch deinem Mr. Fox. Aber dafür verlange ich etwas."
Fragend hob Selina eine Augenbraue.
"Bitte mich darum", seine Mundwinkel zuckten. Stille kehrte zwischen ihnen ein. Selina schürzte die Lippen, doch sie wusste, dass sie sich dem nicht entziehen konnte.
"Shawn, bitte. Ich brauche deine Hilfe", gab sie leise zu und gab sich dabei alle Mühe nicht zu gedemütigt zu klingen.
"Na also, geht doch", der andere Vampir lächelte noch ein wenig breiter. Selina wusste, welche Genugtuung sie ihm mit ihren Worten verschafft hatte. So war er schon immer gewesen. Und auch wenn es zuweilen unangenehm war, dass er Andere von ihrem hohen Ross herunter holte, so musste sie zugeben, dass es mitunter auch heilsam sein konnte.
"Komm mit", forderte er sie auf und bot ihr seinen Arm an, damit sie sich bei ihm einhakte.
"Du erinnerst dich daran, dass wir nicht mehr zusammen sind, oder?", bemerkte die Tremere, nahm den angebotenen Arm aber dennoch an.

Shawn führte sie zu einer baufällig aussehenden Lagerhalle, irgendwo tief in der Bronx. Der Weg dorthin war erfüllt von den tausend Gerüchen der hispanischen Restaurants und Mofongo-Trucks. Trotz der späten Stunde trieben sich hier auch erstaunlich viele Menschen herum. Es wirkte fast so, als wolle dieser Stadtteil dem Ausnahmezustand trotzen und demonstrative Lebhaftigkeit zeigen. Selina musste zugeben, hier konnte man gut untertauchen, besonders als kampferprobter Assamit. Sowohl die Menge, als auch die Gerüche halfen dabei, die eigene Anwesenheit vor anderen Nichtmenschen zu verschleiern. Sie ertappte sich bei dem Gedanken, mit einem Werwolf in dieser Umgebung einmal Katz und Maus spielen zu wollen.
Über einige alte und morsch aussehende Kisten erreichten sie ein Oberlicht, durch das sie in die Lagerhalle gelangten. Im Inneren war die Halle überraschend sauber und aufgeräumt. In einem abgetrennten Areal vermutete Selina einen Wohnbereich. Zumindest deutete sich die Ecker einer Couch dort an. Davor erspähte Selina das, was sie im Grunde schon erwartet hatte: Markierungen auf dem Boden, einen Waffenschrank, einen Korb voller Holzstäbe und nicht zuletzt auch den alten, abgenutzten Boxsack, auf den sie selbst auch schon etliche Male eingeschlagen hatte.
"Hast du dich schon für den diesjährigen Interior Design Award angemeldet?", kommentierte sie Räumlichkeit.
"Immerhin hause ich nicht in einem Labor", konterte Shawn und führte sie galant eine improvisierte Treppe hinab.
"Touché."
Sie durchquerten die Freifläche, bis sie die Bodenmarkierungen erreichten.
"Katana?", erkundigte Shawn sich eher beiläufig.
"Das weißt du doch", beantwortete sie die Frage. Sie hob eine Augenbraue, als der Assamit ihr einen kürzeren Stab zu warf. Sie fing ihn mit einer Hand auf und sah, wie er sich selbst bewaffnete und dann Stellung bezog.
"Shawn, meinst du, das ist jetzt der richtige Zeitpunkt?"
Anstatt zu antworten, griff er an. Selina wehrte den Schlag ab und erkannte sofort, dass ihr Gegenüber nicht besonders stark zugeschlagen hatte. Seufzend senkte sie ihren Stab. Die Folgen bekam sie sogleich zu spüren. Dieses Mal hatte der andere Vampir schon mehr Kraft eingesetzt und traf sie hart am Oberarm.
"Was soll das?", fragte sie genervt. Tief in ihr wogte das Wolfsblut auf. Noch konnte sie sich aber mäßigen.
"Das letzte Mal als du auf einem Trip warst, bist du vorher fast gestorben", er hörte nicht auf, nach ihr zu schlagen, "Dein Körper hat alles Blut in Rekordzeit umgesetzt. Jetzt hast du das Zeug aber noch in dir. Ich habe keine Lust, dass du im Entzug meinen Unterschlupf zerlegst."
Wieder musste sie zugeben, dass er Recht hatte.
"Dann gib dir Mühe. Ich habe mich seit unserem letzten, gemeinsamen Training nicht ausgeruht."
"Das will ich hoffen. Wenn du mich langweilst, lege ich dich übers Knie und versohl dir den Hintern."
Die Provokation saß, wenn auch eher auf belustigende Weise. Gewillt ihm ein möglichst guter Gegner zu sein, ging Selina zum Angriff über.

Einige Zeit später hob sie keuchend die linke Hand, während sie den Stab in ihrer Rechten senkte. Ihr Sparringspartner hatte Erbarmen mit ihr und beendete den Kampf. Das er sie nicht schonen würde war ihr klar gewesen. Allerdings hatte sie nicht mit solcher Härte gerechnet.
"War ganz ok, für eine alte Hexe", witzelte Shawn und nahm ihr den Stab ab, "Da hinten hinter der Stahltüre findest du das Bad. Ich bring dir gleich ein paar Wechselklamotten."
Selina nickte schweigend. Ihr Atem ging zu schwer, um vernünftig zu antworten.
"Selina", hielt ihr Gastgeber sie noch auf, bevor sie die Tür erreichte, "Es ist zwar gut, deine linke Deckung zu stärken aber vergiss die Rechte nicht darüber."
Ja, du mich auch, dachte sie und winkte ab.

Die Nacht war beinahe vorbei, als sie beide gemeinsam auf Shawns Couch saßen. Der kleine Fernseher lief als Alibi und erleichterte ihnen das Schweigen. Selina trug nun eine Jogginghose und einen alten Sweater. Beides hatte Shawn ihr geliehen und war dementsprechend etwas zu weit. Ihre Haare hatte sie vorsorglich zu einem Zopf geflochten. Während sie die Füße auf die Couchkante stellte, dachte sie darüber nach, wie schrecklich vertraut diese Situation doch war.
"Du solltest mich langsam irgendwo einsperren", brach Selina schließlich ihr Schweigen.
"Hast du denn schon Hunger?"
Sie nickte, trotz dass sie es eigentlich noch gut aushielt. Der Hunger war um einiges einfacher für sie zu handeln, als diese schrecklich menschliche Situation.
"Gut, dann komm mit", Shawn stand auf und führte sie eine kleine Treppe herunter. Den Fernseher ließ er einfach laufen. Im Untergeschoss gab es augenscheinlich nicht viele Räume. Lediglich vier schwere Sicherheitstüren gingen von dem kleinen Flur ab. Selina vermutete, dass sich hier wohl die Versorgungsleitungen trafen. Hinter einer der Türen befand sich jedoch ein spartanisch eingerichtetes Schlafzimmer. Der Raum bot nicht viel her, nur ein Bett und ein Stuhl befanden sich hier. Auf dem Stuhl lagen bereits ein paar Tücher und jeweils zwei Hand- und zwei Fußschellen bereit. Shawn war also nicht untätig gewesen, während sie geduscht hatte.
"Na dann wollen wir mal", sagte Selina nüchtern und setzte sich auf die Bettkante, "Keine BDSM-Witze, ja?"
"Schade", Shawn grinste breit, beließ es aber dabei. Geduldig wartete er ab, bis sie sich hin gelegt hatte. Dann begann er sie zuerst mit den Tüchern an das schmiedeeiserne Bett zu fesseln.
"Du wirst noch früh genug versuchen dich selbst zu verletzten", erklärte er, während er die Tücher fest verknotete und anschließend die Handschellen darüber verschloss, "Wirklich keine BDSM-Witze? Immerhin liegst du gefesselt in meinem Bett."
Selina unterdrückte mit Mühe ein Knurren, warf ihrem Gastgeber jedoch einen finsteren Blick zu.
"Schon gut. Versuch zu schlafen, dann geht es schneller vorbei." Er strich ihr einmal kurz über die Wange und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. Ein bissiger Kommentar lag Selina bereits auf der Zunge, doch sie schluckte ihn herunter und überwand sich zu einem "Danke".
Der Assamit stand auf, löschte das Licht und verließ den Raum. Die Türe schloss er ab. Dann kehrte Stille ein.
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Re: Entzug

Beitrag von Death of Fantasy » 22.06.2016 23:25

Uuuuh, na das ist aber wieder ein nettes Bondage Spielchen... :twisted:
Nein, jetzt im Ernst: Das ist ein wirklich schöner Text, den du da hingelegt hast und es freut mich so sehr noch mehr über Selina zu lesen und wie es ihr nach dem Werwolfsbluttrip ergeht!
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Re: Entzug

Beitrag von Lynx » 27.06.2016 22:39

Dankesehr. Es wird wohl auch bald der nächste (Sinn)Abschnitt folgen.
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