Nachgereicht: Provokation|Hexenw.|Sonnensch.|Magie|Morgentau

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Schneemaehne
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Nachgereicht: Provokation|Hexenw.|Sonnensch.|Magie|Morgentau

Beitrag von Schneemaehne » 23.12.2015 23:26

Moin ihr Lieben!
So, etwas auf die Schnelle und nach wie vor eher ungeschliffen, mein Entwurf zum Thema "Provokation" der es dann aus Zeitmangel doch nicht geschafft hat. Damit wäre der endlich aus meinem Kopf und ich kann mit den "Wurzeln" anfangen ;)

Provokation
In dem tief verschneiten Wald herrschte vollkommene Stille. Kein Vogel sang, kein Fuchs bellte, nicht einmal der leise Tritt eines Rehs durchbrach diesen eisig kalten Winterabend. In den Nächten zuvor war sie immer wieder aufgeschreckt wenn irgendwo tief zwischen den Bäumen ein Ast unter der frischen Schneelast gebrochen war. Auch der Frost selber war alles andere als leise gekommen – deutlich hatte ihr feines Gehör seine Berührung gehört, das leise Knistern von verharschendem Schnee, das Klirren der aneinander reibenden Blätter.
Aber nun war es still, so still dass sie ihren eigenen Herzschlag in den Ohren hörte wie eine Trommel. Mit aller Vorsicht hob sie einen Fuß ein wenig an, wackelte mit den Zehen um das Blut zum Zirkulieren anzuregen und verharrte dann wieder bewegungslos. Ihr dicker Umhang schützte sie vor der schlimmsten Kälte aber sie musste immer wieder auf ihre magischen Reserven zurückgreifen um nicht völlig steif zu frieren. Die Elfe lag auf dem Bauch unter ein paar niedrigen Büschen und hatte sich in den letzten Stunden fast völlig einschneien lassen. Bei der strengen Witterung vermied sie es ihren Bogen aufzuspannen, und so lag ihr treuer Jagdgefährte gut eingepackt in geölte Häute neben ihr, der Köcher zu ihren Füßen. In Griffweite befand sich nur ihr eigens angefertigter Wurfspeer, einer der Gründe warum sie diese ganze Strapaze auf sich nehmen musste. Den Eber mit einem Bogen zu erlegen war schwer genug, mit dem Wurfspeer würde sie nur eine, maximal zwei Chancen haben bevor das Tier heran war. Und wenn das Wildschwein dann nicht tot war, würde sie die Beine in die Hand nehmen müssen um unverletzt aus der Sache raus zu kommen. Dass sie so verflixt nahe heran musste im Vergleich zum Schießen machte die Lage noch misslicher. Sie zog genervt die Nase kraus.
Ja, als man sie gebeten hatte, den Eber für das Dorf zu erlegen, war sie geschmeichelt gewesen. Sie lebte bereits seit Jahren hier und bisher hatten sich die Menschen wenig um die elfische Späherin geschert. Was besser war, wie ihr Jahrzehnte der Erfahrung gezeigt hatten. Es war einfacher in gegenseitiger Ignoranz zu existieren als sich in irgendwelche kleinlichen Angelegenheiten hineinziehen zu lassen. Aber der alte Eber zerstörte immer wieder die Äcker und man fürchtete schon jetzt seine Verwüstung auf der frischen Saat im Frühling. Also hatte sie sich überreden lassen sich des Tieres anzunehmen. Ein neuer Pelz zum Abdichten ihrer kleinen Hütte wäre ganz nützlich, hatte sie sich selbst vorgehalten. Und für die Stoßzähne würde sie einen guten Preis bekommen in der nächsten Stadt. Doch der plötzliche Wintereinbruch hatte ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht und aus der unangenehmen Jagd durch das nasskalte Wetter war eine durchaus auch für sie nicht ungefährliche Pirsch geworden. Nanit, schalt sie sich selber, hör auf zu nölen. Das macht es auch nicht besser.

Gerade als sie überlegte wie sie ohne Aufsehen zu erregen an ihren Wasserschlauch kommen könnte, zerriss das Geräusch eines brechenden Zweiges die Stille. Da steckte also ihr Eber! Sie hatte sich an seinem liebsten Platz versteckt, hatte mehrere Tage lang genau beobachtet von welcher Seite er die kleine Lichtung betrat. Wenn alles lief wie geplant würde er die wartende Elfe erst dann bemerken wenn es längst zu spät war.
Das Knacken und Knirschen wurde lauter, dazu gesellte sich jetzt ein gleichmäßiges Schnaufen und Schlurfen. Angestrengt presste Nanit ihr Ohr gegen den Boden, aber die dichte Schneedecke machte es schwer die Geräusche einzuordnen. Das klang nicht nach einem einzelnen Eber. Eine ganze Rotte vielleicht? Wenn dem so war sollte sie hier verschwinden, sie hatte nicht vor als Schweinefutter zu enden. Aber hatten die Bauern nicht gesagt der alte Eber wäre alleine unterwegs? Sie hatte auch bisher keine Sau oder dergleichen bemerkt.
Keine hundert Herzschläge war sie sich sicher, dass es nicht einmal eine Rotte Wildschweine war. Die Tiere waren vielleicht nicht gerade sauber, aber sie rochen nicht so. Still fluchend zog sie sich tiefer unter ihr Schneeversteck zurück, bis ihr nur noch ein kleines Sichtfenster blieb. Unmöglich so den Speer zu schleudern aber so würden die Orks vielleicht an ihr vorbei ziehen ohne sie zu bemerken. Tatsächlich wurde das Stampfen und Schlurfen immer lauter bis es fast genau an ihr vorbei zog. Was machten Orks so weit im Landesinneren? Während ihrer Ausbildung an der Grenze hatte sie es immer wieder einmal mit versprengten Gruppen von den grünhäutigen Ungeheuern zu tun gehabt, aber normalerweise waren das junge Krieger, die sich beweisen wollten. Die suchten an den Landesgrenzen Ärger und verzogen sich danach wieder. Sie aber war Meilen um Meilen davon entfernt und von den wenigen Worten die sie hatte verstehen können waren das auch keine Jugendlichen mehr. Das war eine klare Verletzung des Abkommens! Sie nahm ja vieles hin, aber diesmal würde es einen Bericht geben! Mit einem wütenden Knurren schob sie sich aus ihrem Loch und klopfte sich hastig den Schnee von dem Mantel. Schon halb im Laufen warf sie sich Bogen und Köcher über die Schulter, die provisorische Saufeder vergessen. Auf der einen Seite wollte sie am liebsten sofort zur nächsten Basis und Alarm schlagen, auf der anderen Seite waren die Dorfbewohner schon gegen einen einzelnen Eber nicht gefeit gewesen. Was sollte erst bei einer Rotte Orks passieren? Sie wusste, dass sie alleine nichts ausrichten würde, aber eine Warnung musste sie geben. Die Spur der Orks verlief gut sichtbar durch den tiefen Schnee während sie selbst beim Laufen kaum einsank. Noch schien die Gruppe nicht von dem Dorf zu wissen, denn sie hielten sich zu weit westlich. Spätestens wenn sie aber nachts aus dem Wald heraus waren würden die beleuchteten Hütten gut sichtbar sein und einfache Beute versprechen. Im Laufschritt hielt sie sich weiter gen Osten um der Aufmerksamkeit der Rotte zu entgehen. Der kurze Tag war beinahe vorüber, schon jetzt begannen ihre Zähne vor Kälte zu klappern. Inzwischen ziemlich laut fluchend versuchte sie den Abstand zu den feindlichen Orks einzuschätzen, bevor sie nach der Magie rief.
Mit einem leisen Rascheln schob sich nur Augenblicke später ein großer weißer Wolf durch den Schnee, die Schnauze hoch erhoben um zu wittern. Ein paar grüne Augen blickten kurz zum Horizont, aber was sie an Geruchsinn gewonnen hatte, fehlte ihr nun an den Augen. Mit einem Knurren warf sich das Tier herum und trabte dem Dorf entgegen. Hoffentlich würden die Idioten verwirrt genug sein um nicht auf sie zu schießen. So langsam aber sicher war Nanit mit ihrer Geduld am Ende und ein bisschen mehr Provokation würde dafür sorgen, dass der Verursacher ein paar Zähne zu spüren bekommen würde. Das passierte, wenn man sich mit Dorfbewohnern einließ!
Zuletzt geändert von Schneemaehne am 23.10.2017 22:24, insgesamt 4-mal geändert.
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Re: Nachgereicht: Provokation

Beitrag von Lynx » 24.12.2015 05:10

Brrrr, kalt. Snowi, jetzt hast du uns den Winter gebracht!
Eine schöne Geschichte, die Lust auf mehr macht... und auf eine Kanne heißen Tee...
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Re: Nachgereicht: Provokation

Beitrag von Death of Fantasy » 24.12.2015 08:17

Ui, das ist aber sehr schön geworden!
Ich bin dann mal gespannt auf dein Thema zu 'Wurzeln'!
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Re: Nachgereicht: Provokation

Beitrag von Schneemaehne » 26.12.2015 16:10

Wurzeln sind fast fertig ;)
Danke sehr, hatte das halbfertig auf dem Rechner liegen und irgendwie nagt es doch an meinem Stolz die Deadline verpasst zu haben ;)
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Re: Nachgereicht: Provokation|Hexenwerk

Beitrag von Schneemaehne » 02.11.2016 00:34

Es gibt ja gute Gründe, warum man nicht alle Werte seines Charakters auswürfeln sollte. Das Aussehen zum Beispiel, das Inventar und bei den Rettungswürfen verstehe ich auch keinen Spaß. Es begab sich aber zu Halloween vor zwei Jahren, dass zwei gute Freunde ihren Geburtstag zusammengelegt hatten und nachfeierten. Das Geschenk? Eine Kurz-Kampagne die offensichtlich als Horror geplant war, aber trotz Kerzenbeleuchtung, schauriger Musik und der coolsten Grabstein-Torte die ich je gesehen habe eher zum Slapstick ausartete. Unter anderem weil der Spielleiter auf ein komplettes Auswürfeln bestand.
Zur allgemeinen Erheiterung und zu dem Datum passend also hier meine nachgereichte Geschichte zu „Hexenwerk“. Alle Namen bis auf den meines eigenen Charakters (Maren) sowie das Aussehen und der Plot sind etwas verändert worden. Will ja hier nicht anderer Leute Charaktere ohne Erlaubnis spielen...


Hexenwerk

„Jetzt mach die verdammte Musik aus!“, herrschte Alexandra ihren Beifahrer an. Mit einem betont genervten Gesichtsausdruck lehnte sich der blasse Mann mit seinen feuerroten Haaren vor und beendete den wohl fünften Durchlauf von Zack Hemseys „Waiting Between Worlds“ indem er sein Mobiltelefon vom Anschluss trennte.
Stille breitete sich im Auto aus.
„Magst du keine Filmmusiken?“
„Spielst du mit Absicht den Scheiß nur um Witze auf den Titel machen zu können?“
„Alex, nun reg dich mal ab.“
„Abregen? Verdammte Scheiße, was ist in deinen Kippen eigentlich drin? Ich habe verdammt noch mal einen Tisch in der Sushibar für die Mädels reserviert und wer ist nicht da?! ICH!“
Der Rothaarige machte den Mund auf um etwas ähnlich Giftiges zu erwidern, wurde aber von einer tieferen Stimme von der Rückbank unterbrochen. „Bitte, beruhigt euch beide. Wir werden alle unsere Kraft und Konzentration brauchen um dieses Vieh wieder einzufangen. Danach können wir gerne über Musik diskutieren.“
Alexandra rückte den Rückspiegel gerade um Jonathan einen bösen Blick zu werfen zu können, der nur entschuldigend die Hände hob und dann sich wieder seiner Waffe widmete. Auch Elan verdrehte zwar die Augen, gab aber Ruhe. Beiläufig begann er sich die nächste Zigarette zu drehen, während Alex von der Autobahn auf eine unbeleuchtete Landstraße abbog.
„Zentrale, nähern uns dem Ziel. Bitte um Navigation.“
Was bis gerade eben wie eine große Radioanzeige gewirkt hatte entpuppte sich nun als Bildschirm auf dem nach einigen Flackern eine Frau mit dicken braunen Locken erschien die den drei Insassen des dunklen BMWs entgegen lächelte.
„Folgt der Straße bitte noch 12 Kilometer. Dann kommt ein Dorf, denkt an die Blitzer. Gleich danach rechts. In der Zwischenzeit möchte ich euch noch einmal die Informationen zusammenfassen die wir haben. Ich weiß, vieles wird euch bekannt sein aber es geht hier darum alle auf den gleichen Stand zu bringen.
Wir haben es hier mit einem Jugendstreich zu tun der reichlich schief gegangen ist. Eine Gruppe Minderjähriger hat beschlossen ihren Halloween-Abend ein wenig spannender zu gestalten und mit einem Witchboard herum gespielt –„
„Muss das eigentlich jedes Jahr sein? Kann der Senat diese Mistdinger nicht endlich mal konfiszieren?!“, unterbrach sie Elan, der von zwei wütenden Seitenblicken wieder zum Schweigen gebracht wurde.
„- mit einem Witchboard herum gespielt. Da das dem Gruseln nicht genug war, haben sie sich einen alten Friedhof ausgesucht. Glücklich für uns und alle anderen Zivilisten liegt er außerhalb des Dorfes…“
Zustimmendes Nicken im Auto.
„…auf der anderen Seite eines Flusses.“
Erleichtertes Seufzen.
„Unser Problem sind also die vier Jugendlichen. Wäre alles halb so schlimm wenn nicht eine – oder einer – von ihnen offenbar eine bisher unentdeckte Begabung hätte. Das heißt anstatt ein bisschen Gläser hin und her zu rücken und sich dabei zu gruseln hat diese Gruppe tatsächlich etwas herauf beschworen.“
„Wissen wir welche Kategorie?“ Alexandras Züge waren noch immer angespannt aber die lenkte das Auto ruhig und sicher über die holprigen Straßen. Schließlich waren sie Professionelle.
„Ein Poltergeist. Nicht das schlimmste aber von den Beobachtungen die unser Informant gemacht hat leider kein ganz schwacher. Außerdem müssen wir davon ausgehen dass die oder der bisher unentdeckte Hexe beziehungsweise Hexer-„
„Dieses ganze Genderzeug geht mir so hardcore auf den Sack.“
„Klappe Elan.“
Die Frau im Bildschirm fuhr fort als wäre sie solche Nebengespräche gewohnt.
„- dass die oder der bisher unentdeckte Hexe beziehungsweise Hexer verängstigt und außer Kontrolle ist. Seine Freunde müssen festgesetzt werden und der Vorfall entsprechend aus ihrem Gedächtnis getilgt.“
„Dafür sind wir nicht zuständig“, schaltete sich Jonathan nun ein.
„Das ist der Zentrale bekannt. Eine Gruppe Hüter sind auf dem Weg. Ihre errechnete Ankunftszeit liegt aber 25 Minuten nach eurer, sodass wir euch bitten von extremen Maßnahmen abzusehen und bis zum Eintreffen des anderen Teams wirklich nur den Poltergeist ins Visier zu nehmen. Unsere Informantin wird euch dabei circa zehn Minuten nach berechneter Ankunft zur Seite stehen.“
„Kennen wir sie?“
„Frau Maren Neuwinkel, Bibliothekarin des hiesigen Schulbücherei.“
„Ehrlich jetzt? Habt ihr nicht was Sinnvolleres im Angebot?“
„Herr von Rabenstein, ich muss doch um einen etwas professionelleren Umgang mit ihren Kollegen bitten!“
„Sorry.“
Es folgten einige lange Sekunden der Stille aus dem Videobildschirm.
„Wenn es noch Fragen oder wichtige Infos gibt, dann bitte jetzt. Wir sind so gut wie da.“ Alexandra nickte in Richtung der Windschutzscheibe, wo sich zwischen den Regentropfen und den hektisch wedelnden Scheibenwischern die letzten Ausläufer eines Dorfes aus der Nacht schälten. Kaum 300m weiter überquerten sie den Fluss und die Feuermagierin riss das Lenkrad hart herum um auf einen halb zugewucherten Kiesweg einzubiegen. „St. Jost Kapelle 1,4km“ erklärte ihnen ein grünes Schild.

Als sie auf den Parkplatz einbogen verabschiedete sich die Videoübertragung mit einem statischen Rauschen. Beinahe gleichzeitig vibrierten drei Telefone in den Taschen der drei Autofahrer – kein Empfang.
„Gutes Zeichen, was?“, scherzte Elan, die Zigarette schon im Mundwinkel.
„Das bedeutet der Poltergeist ist noch hier. Gut für uns, gut für das Dorf. Ich stimme dir also zu.“ Jonathan zog mit einem kritischen Blick den Ärmel zurück und warf einen Blick auf seine Armbanduhr – es war weit nach Mitternacht. So weit zu seinem entspannten Abend.
Wie in einem Hollywoodfilm stiegen alle drei gleichzeitig aus dem dunklen Auto. Sonderbarer hätte die Mischung nicht sein können – Elan sah mit seinen hoch gestylten roten Haaren und der Zigarette im Mundwinkel eher aus, als hätte er heute Nacht auf Tour gewollt. Nachdenklich zupfte er sich die Handschuhe von den Fingern, die seine komplett mit okkulten Symbolen tätowierten Hände des Beschwörers enthüllten. Alexandra trug Jeans und Halbschuhe, dazu eine knallrote Regenjacke über ihrer teuer aussehenden Bluse. Sie verzog sichtbar das Gesicht als sie in den Regen treten musste, eine Hand schon in ihrer Umhängetasche um den kurzen Stab hervor zu ziehen. Jonathan wirkte am deplaziertesten mit seinem Anzug und den polierten Lederschuhen. Es war sein Pech gewesen, das der Anruf des Senates gerade auf dem Rückweg von der Arbeit bei ihm angekommen war. Mit einem langen Blick ließ er seinen Aktenkoffer im Auto zurück und legte das Jackett dazu. Er war dazu da mit seinen Illusionen allen umliegenden Dörfern und eventuellen Spaziergängern vorzugaukeln, dass es heute Nacht nichts Außergewöhnliches zu sehen gab und sich der Weg zur alten Kapelle bei diesem schlimmen Wetter sowieso nicht lohnte. Entsprechend richtete sich sein Blick auf die Umgebung während die anderen beiden zielstrebig auf das Gebäude zumarschierten.

Im Inneren der kleinen Pilgerkapelle sah es genau so aus wie es die beiden erwartet hatten: Auf dem Grabmal in der Mitte lag etwas schwelendes Holz, was wohl einmal das genannte Witchboard gewesen war. Alles an Stühlen, Bänken und Kerzen war wild durcheinander gewirbelt worden, in der Ecke saßen zwei Jugendliche die auf einen dritten einredeten. So wie er am Boden hockte, das Bein in einem ungesunden Winkel abgestreckt schien er beim Toben des Poltergeistes verletzt worden zu sein. Ein Mädchen mit vor Tränen verlaufenem Mascara redete ununterbrochen auf ihn ein, während der zweite junge Mann vergeblich versuchte mit seinem Handy irgendwen zu erreichen. Wahrscheinlich einen Krankenwagen. Kluger Junge.
Beide Magiewirker spürten die Präsenz des Geistes in der näheren Umgebung, allerdings war es erst einmal wichtiger die drei Teenager aus dem Gebäude zu schaffen bevor sie noch mehr Schaden nahmen.
„Hey, alles gut bei euch? Wir waren noch mit dem Hund unterwegs und haben Geräusche gehört“, fing Alexandra eine Lüge an, die sich wohl zum hundertsten Mal durchspielte. Elan schlich sich derweil auf das Zentrum der Verwüstung zu. Irgendwo musste die vierte Person stecken und bei ihr dann wahrscheinlich auch der Geist. Bei einem unerfahrenen, verschreckten Teenie würde das Vieh leichtes Spiel haben.
Mit halbem Ohr hörte er zu, wie Alexandra mit den drei anderen sprach, vorlog ihren Onkel – ha, wenn das Jonathan hören würde! – mit dem Auto schon gerufen zu haben, er stände auf dem Parkplatz. Am besten gleich ins Krankenhaus, das muss geröntgt werden…
Nachdenklich ließ er sich neben dem Grabmal irgendeines Pilgers aus dem Mittelalter in die Knie sinken und besah sich den Boden. Hier gab es nicht viel wohin man ausweichen konnte, die wenigen Nischen waren groß genug für Kerzen und Regalen mit Flugblättern gewesen, mehr nicht. Wo steckte Nummer Vier? Plötzlich entdeckte er einige Runen vor sich auf dem Boden. Woher hatten die Kids denn bitte so was? Konnte man heutzutage eigentlich alles im Internet finden?
„Sag mal Alex“, setzte er an. „Wer war von unseren Leuten schon einmal hier?“
„Diese Maren oder nicht?“
„Sie wird das hier wohl nicht aus nächster Nähe gesehen haben, sonst hätte sie es ja verhindert. Wahrscheinlich hatte sie einen Signalzauber auf zentrale Punkte gelegt und deswegen…“ Er brach mitten im Satz ab.
„Was meinst du?“ Die junge Frau richtete sich auf und ignorierte die verwirrten Fragen der drei jungen Leute vor sich.
„Scheiße.“ Elan wich vor dem Grabmal zurück, drehte sich auf der Hacke um und begann zurück zur sprinten „Scheiße, scheiße, scheiße!“
Dann wurde alles dunkel.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass unsere drei Jäger, so unterschiedlich sie auch sein mögen, zu ein und demselben Zirkel gehörten. Mit ihren respektiven Vertretern, dem ewigen Papierkrieg zwischen den Abteilungen und allem was bei einem gut funktionierenden Traditionsbetrieb so dazu gehörte. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, magisch begabte Personen ausfindig zu machen und so weit zu schulen, dass ihre besonderen Fähigkeiten keine Gefahr für ihre Umgebung darstellten und sie ein weithin normales Leben führen konnten. Das hieß nicht, dass Alexandras Heizungsrechnungen sensationelle Tiefstände beinhalteten, Elan im wahrsten Sinne des Wortes einen Westentaschendämon daheim hatte oder Jonathan gerne mal zehn Minuten länger Mittagspause machte weil es sowieso niemand bemerken würde. Allerdings gibt es bei jedem laufenden System solche, die dagegen sind. In diesem Fall waren es meistens Einzelpersonen aus alten, einflussreichen Familien. Die der Meinung waren aufgrund ihrer Begabungen eine Sonderposition in der Gesellschaft verdient zu haben. Die zu viele Mittelalterfilme geguckt hatten und sich deswegen gerne in dunklen Kutten in alten Ruinen trafen um über die „gute alte Zeit“ zu reden. Und dessen Kinder gerne mehr exotische Zwischennamen führten als das gängige Kevinismus-Opfer in Castrop-Rauxel. Normalerweise nicht gefährlicher als der Stammtischabend in der örtlichen Kneipe, gab es immer wieder einzelne die tatsächlich viel magische Kraft besaßen und sie auch gerne nutzten. Da es aber nach wie vor hinderlich war sich an Zivilisten auszutoben waren die Jäger ihr bevorzugtes Ziel geworden. Und offensichtlich war genau das gerade geschehen, denn als die beiden ihre Sinne wieder gewannen standen sie in etwas, was mit der Touristenkapelle nur entfernt zu tun hatte. Die Farben waren wie ausgewaschen, die Schatten tiefer und das ganze Gebäude um einiges größer als zuvor. Außerdem klaffte nun ein großes Loch dort wo vorher das Grabmal gestanden hatte. Das sonderbare Zwielicht erlaubte einen Blick auf einige Steinstufen und den roten Schimmer von Fackellicht.

„Man schmeißt einen Beschwörer nicht auf Zwischenebenen! Was soll der Dreck?! Geh ich in die Weightwatchers Gruppe und fresse Schwarzwälder Kirsch oder was?!“ Elan war außer sich, die Tätowierungen glühten in einem ungesunden grünlichen Licht. „Wer auch immer das war ist kein blöder Teenager, dem reiß ich jetzt den Arsch auf!“
Alexandra war ähnlich missgestimmt aber zumindest äußerlich um einiges ruhiger. Sie versicherte sich mit einem Blick ob die Jugendlichen mit in den Zauber hinein gerissen worden waren und war erleichtert als sie sie nirgends entdecken konnte.
„Elan, konzentriert dich. Offenbar sollen wir da runter. Egal welcher Mistkerl das angezettelt hat, wahrscheinlich steckt da immer noch ein halbes Kind mit drin was jetzt schon Therapie brauchen wird.“
Der Angesprochene schnaubte nur während die Frau den kurzen Stab mit einer ruckartigen Bewegung aktivierte. Sofort veränderte sich ihre in dieser Zwischenwelt so einfach erkennbare Aura, erschien jetzt in einem ähnlichen roten Flackerlicht wie der Gang unter ihnen. „Jetzt rein da. Mit etwas Glück holt uns Jonathan hier sowieso gleich wieder raus.“
„Wenn er es bemerkt.“
„Wenn er es bemerkt“, stimmte sie zu und marschierte entschlossen auf die Treppen zu. Elan folgte ihr etwas langsamer. Nicht nur, weil es ihm missfiel in eine so offensichtliche Falle zu tappen. Er hatte schon mehr als ein Mal am eigenen Leib erfahren müssen, dass man einer Feuermagierin besser nicht im Weg stand wenn sie schlechte Laune hatte. Sollte doch der Abtrünnige in seinem Kellerchen den Feuerball fangen gehen, er würde das nicht noch einmal machen!
Tatsächlich brauchte es keine zehn Schritte bis Alexandra zum ersten Mal etwas in Flammen aufgehen ließ. Kaum um die Ecke gebogen flogen ihnen die Trümmer von einigen Stühlen entgegen. Elan hatte sich kaum geduckt, da ging das Holz in einem Regen aus Ascheflocken und kleinen Glutstücken auf ihm nieder. Der unangenehme Geruch einer angesengten Regenjacke mischte sich mit dem Rauch und ließ ihn husten während die Magierin einfach weiterstapfte als wäre nichts gewesen. Allerdings bedeutete das wohl, dass ihr Poltergeist ebenfalls mit auf dieser Ebene gelandet war. Positiv für die Jugendlichen, schlecht für sie.
Mit einigen hastigen Schritten versuchte er zu ihr aufzuschließen.
„Was ist der Plan, Alex?“
„Rein, Teenie retten, dem Wirker das Gesicht richten und dann weg hier.“
„Deine Liebe zum Detail erstaunt mich immer wieder, Magierin.“
„Mach’s besser.“
Mit einem gespielt schuldbewussten Schulterzucken ließ begann er eine ganze Serie von Zeichen in die Luft zu schreiben. Aus den traurigen Resten der Stühle erhob sich eine kleine Schattengestalt, kaum größer als eine Hauskatze und trabte eifrig auf die beiden zu.
„Schau mal nach was da vorne so ist“, befahl er der Erscheinung beiläufig. Offensichtlich erfreut etwas zu tun zu bekommen verschwand der kleine Schatten um die nächste Biegung, während die beiden Zauberwirker den Gang mit einigen Schutzzeichen versahen im sich den Rückzug zu sichern.
Zehn Minuten später die sich wie eine Ewigkeit anfühlten hatten sie alle umliegenden Räume gesichert und der Schatten war zurückgekehrt. Am Ende des langen Flures befand sich ein zentraler Raum, in dem der fremde Magier eine junge Frau gefangen hielt. Wie es um sie stand konnte die Erscheinung nicht sagen, sie war aber noch am Leben und schien mehr aus Angst als durch irgendwelche Verletzungen an Ort und Stelle zu bleiben. Der Magier selber war tief in seiner eigenen Beschwörung versunken und hatte nicht einmal bemerkt dass er beobachtet wurde.
Elan nickte nachdenklich und entließ den Schatten wieder aus seinem Dienst. Nachdenklich schaute er zu Alexandra.
„Ideen?“
„Er hat sich übernommen. Er hält gerade zwei ausgebildete Wirker sowie eine junge Frau hier in der Zwischenebene fest Wahrscheinlich macht ihm der Poltergeist mehr Probleme als gedacht und mit etwas Glück ist unsere Verstärkung ebenfalls schon daran dass Ganze hier aufzulösen.“
„Sehe ich genau so. Also warten wir ab bis er sich ganz verausgabt hat oder die anderen den Zauber brechen?“
„Lieber nicht. Wer weiß wie verzweifelt er wird und was er noch so alles kann.“
„Du bist jetzt nicht ernsthaft beeindruckt, oder?“
„Kannst du eine ganze Zwischenebene für so viele Personen aufrechterhalten?“
„Ach, halt die Klappe.“

Mit einem ziemlich unguten Gefühl – schließlich tobte hier auch noch immer ein Poltergeist herum – schlichen die beiden auf den letzten Raum zu. Schon einige Meter vorher hörten sie etwas, was ihren geübten Ohren als Zauberformel auffiel.
Ohne weiter zu warten beschleunigte Alex ihre Schritte und stürmte geradezu durch die Türe. Dabei prallte sie frontal mit einem jungen Mädchen zusammen, was gerade aus ebenjener hinaus auf den Flur flüchten wollte. Bei dem entstehenden Handgemenge dauerte es einige Momente bis das Mädchen verstand dass Hilfe für sie eingetroffen war und die beiden nicht weitere düstere Handlanger des Magiers waren.
„Bleib dicht hinter Elan!“, befahl ihr die Ältere und schob sie an sich vorbei aus der Türe hinaus. Dort grüßte sie ein etwas angesengt aussehender Kerl, der ihr in seinem Outfit nach all den dunklen Kellerräumen und Geistern erleichternd modern und normal erschien. Zumindest so lange bis er zur Begrüßung seine immer noch grün leuchtenden Hände hob. Sie stieß einen spitzen Schrei aus und entschied sich nach einer kurzen Schrecksekunde für die Flucht nach vorne. Laut klackerten ihre Absätze auf dem Steinfußboden als sie an Elan vorbei den Flur hinunter rannte. Kurz überlegte der Beschwörer ihr zu folgen, hoffte aber darauf dass sie auch im Alleingang den geschützten Teil erreichen würde und dort dann auch erst einmal sicher wäre.
Stattdessen wandte er sich der Szenerie vor sich zu. Alexandra und der fremde Magier – mit seiner weiten Robe, dem Spitzbart und dem irren Blick sah er wirklich aus wie aus einem schlechten Film – brüllten sich gerade Beleidigungen entgegen. Er hätte ja genauer hingehört, aber die Litanei war immer dasselbe – sie würden jetzt dafür bezahlen so vielen guten, ehrlichen Wirker das Leben schwer zu machen, man hätte doch bei dem Kind gesehen dass so etwas nicht gut ging, das gängige System musste geändert werden, und so weiter und so fort. Alexandra schien zunehmend die Beherrschung zu verlieren, worauf der andere wahrscheinlich bewusst hin arbeitete. Wusste er wen er da vor sich hatte? Wahrscheinlich nicht, sonst hätte er die Zeit nicht mit Reden sondern mit Schutzzaubern verbracht. So aber rauschte der erste Feuerball auf ihn zu, dem er nur um Haaresbreite mit einem kräftigen Windstoß von sich ablenken konnte. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten als er begann seine Ebene weiter zu manipulieren und Alexandras hübsche Halbschuhe um einige Zentimeter im Boden versanken. Mit einem Aufschrei bei dem sich Elan nicht sicher war ob er dem Magier oder ihren ruinierten Schuhen galt, flog die nächste Hitzewelle durch den Raum.
„Dir ist schon bewusst, dass wir ihn fangen und bei den Behörden abliefern müssen?“, versuchte er einzuwenden, war aber damit beschäftigt sich selbst aus den nun gegeneinander stoßenden Wirbeln als Feuer und Wind zu retten. Mehr als nur verärgert sondern inzwischen durchaus um sein eigenes Leben besorgt riss Elan noch einmal die Hände hoch. Was sich diesmal aus den Schatten schlich war um einiges größer und eindeutig von weniger freundlicher Natur. Die große dunkle Wolke verdichtete sich langsam zu einer Art übergroßen Raubkatze, die ihren Schweif wild zucken und die aus schwarzem Nebel bestehenden Zähne blitzen ließ.
„Rauf da“, hielt er seinen Befehl kurz und hielt den Blick fest auf den feindlichen Magier gerichtet. So viel Magie in einer bereits instabilen Zwischenebene frei zu setzen konnte nicht lange gut gehen.

Als hätte irgendeine höhere Macht seine Gedanken gehört ging ein Ruck durch den Boden. Elan hätte auf ein Erdbeben getippt, wären sie nicht irgendwo in Mitteldeutschland und außerdem auf einer Zwischenebene auf der ein solches Naturphänomen nicht vorkommen konnte. Er selber konnte sich am Türrahmen abstützen, die beiden anderen gingen zu Boden. Das reichte offenbar um die Konzentration ihres Gegners noch weiter zu schwächen, denn als nächstes vibrierten die Wände von einem Grollen wider das klang als würde sich direkt im Raum nebenan ein Gewitter entladen. Mit klappernden Zähnen und zittrigen Knien versuchte er Alex auf die Beine zu ziehen während seine Schattenkreatur den bereits liegenden Mann unter sich fixiert hatte wie eine übergroße Katze eine Spielzeugmaus.
„Hör auf damit oder ich sorge dafür, dass sie dir den Kopf abbeißt“, drohte er. Elan war sich selbst nicht sicher ob das so funktionieren würde, hoffte aber auf die Panik ihres Gegenübers.
„Das war ich nicht!“, erklang die erstaunlich verwirrt klingende Antwort. Was auch immer er danach sagte wurde von einem zweiten Donner übertönt.
Elan und Alexandra sahen sich an. Jonathan konnte das nicht sein. Waren die Hüter angekommen?
Bevor sie irgendetwas Weiteres herausfinden konnten, spürten sie zum zweiten Mal am heutigen Tag wie ihre Umgebung sich schlagartig veränderte. Elans Lehrmeister hatte es mal beschrieben mit „als würdest du in lauter kleine Stücke geschlagen werden und danach von einer Horde Kindergartenkinder falsch zusammen gesetzt“ und das war bis heute die treffendste Beschreibung eines unfreiwilligen Ebenensprunges die er bis heute gehört hatte. Entsprechend fanden sich alle drei – plus die junge Hexerin – am Boden liegend und nach Luft schnappend wieder, als sich die Welt um sie herum endlich wieder glättete. Verwirrender Weise war der Boden klitschnass und wo vorher noch umgestürztes Mobiliar die Szene dominiert hatte sah es nun noch zehnmal schlimmer aus: In dem Dach der kleinen Kapelle klaffte ein breites Loch, einzelne Reste der Schindeln rieselten noch zu Boden. Teile des Steins waren schwarz verkohlt, das Holz angesengt. Und in der Mitte der Zerstörung stand eine kleine Frau mit wilder Lockenmähne und schob sich gerade die Brille zu Recht.
„Tschuldigung“, war alles was sie an Begrüßung bekamen während erst Jonathan und dann eine Gruppe Hüter ebenfalls die Kapelle betraten. Die drei Jugendlichen waren bereits draußen, der Wirker wurde festgesetzt. Mehr schwankend als laufend verließen die beiden auf Jonathan gestützt das Gebäude. Von draußen sah der Schaden noch schlimmer aus.
„Die Hüter müssen es auch immer übertreiben, oder?“, stöhnte Elan als er sich gegen die Motorhaube des BMW lehnte. Daneben parkte etwas was äußerlich wie ein Feuerwehrfahrzeug aussah, aber so stark wie sein magischer Sinn auf das Gefährt ansprang war es eindeutig mit einem Tarnzauber belegt.
„Das waren nicht die Hüter“, erklärte Jonathan mit einem erstaunlich breiten Grinsen. „Darf ich euch Maren vorstellen?“ Er zeigte mit einer ausladenden Bewegung auf die kleine Frau, die ihnen offenbar aus der Kapelle gefolgt war und nun etwas unschlüssig in die Gegend guckte.
Sowohl Elan als auch Alexandra starrten erst Jonathan und dann sie an. Mit ihren altbackenen Klamotten, der dicken Brille und den offenbar mit Henna mehr schlecht als recht rot gefärbten Haaren sah sie tatsächlich genau so aus wie man sich eine Bibliothekarin einer Dorfgrundschule vorstellte. Um ehrlich zu sein hätten beide Wirker sie nicht einmal als jemand der ihren erkannt, so unauffällig schien sie. Als Maren bemerkte, dass man sie ansah trippelte sie ein wenig näher und streckte zögerlich die Hand aus.
„Hallo, ich bin Maren. Ich bin –„
„- die Informantin, ja. Das habe ich mir gedacht.“ Elan starrte sie recht unverhohlen an. „Und das da warst du?“ Er zeigte auf das zerstörte Dach.
„Oh, ja. Verzeihung, das war ein Versehen. Ich habe versucht die Anker der Zwischenebene alle gleichzeitig zu lösen damit der Auswurfschock möglichst gering bliebt.“ Sie nuschelte so sehr dass die drei Probleme hatten sie überhaupt zu verstehen.
„Nun ja, wenigstens haben die Hüter jetzt eine Ausrede für das ganze. Blitzeinschlag bei Unwetter“, versuchte Alexandra die Situation ein wenig zu entspannen. Alle Anker gleichzeitig lösen! Das machte man doch nicht im Alleingang und erst recht nicht bei einer unbekannten Menge an Personen!
„Ich konnte die Zentrale leider nicht über den Magier informieren. Er fiel mir einige Minuten später erst auf und als ich anrufen wollte…“ sie brachte den Satz nicht zu Ende sondern langte in ihre Tasche und holte etwas hervor, was vor drei Jahren schon ein veraltetes Handy gewesen wäre. Nur dass dieses hier auch noch einen zersprungenen Bildschirm und einige verschmorte Tasten aufwies.
„Gewitterhexe“, lachte Elan auf. „Du bist eine Gewitterhexe!“
Die Angesprochene nickte nur, offenbar unschlüssig ob es ein Vorwurf oder ein Kompliment war.
Wie immer das Protokoll bedenkend mischte sich nun Jonathan ein: „Maren, ich weiß nicht ob du so etwas schon einmal mitgemacht hast. Du müsstest auf jeden Fall jetzt bitte noch mit zur Zentrale kommen und eine Aussage abgeben.“
„Oh, äh, natürlich…“ Die Antwort reichte den dreien um zu wissen, dass sie eben noch nicht in so etwas verwickelt gewesen war.
„Geht ganz schnell. Muss nur am besten jetzt gemacht werden bevor es wieder im allgemeinen Papierchaos untergeht“, versuchte die Alex aufzuheitern. „Wir fahren jetzt eh zurück – da wartet noch ein Tisch auf mich – du kannst mir also einfach folgen.“
„Folgen?“
„Ja, fahr mir einfach… warte, wie bist du hierher gekommen? Die Hüter sind doch erst später eingetroffen?“
„Oh, ja… ähm.“ Sie wirkte sichtlich verlegen, zeigte dann aber auf den Straßenrand. Alle drei Jäger mussten mehrmals hinsehen, bis sie erkannten worum es ging: An das Schild „Kapelle St. Jost“ gelehnt stand ein einzelner Cityroller.
„Das ist nicht dein Ernst?“, rutschte es Elan heraus.
„Doch, leider schon. Beim Fahrrad ist mir die Kette abgesprungen und ich hatte keine Zeit das zu richten“, erklärte die Gewitterhexe kleinlaut.
„Fahrrad?!“, echote nun Alexandra.
„Nun ja. Ihr habt das Handy gesehen. Und da moderne Autos leider inzwischen so furchtbar viel Technik enthalten…“
„… darfst du kein Auto fahren?“, beendete Jonathan den Satz.
„Ja, leider. Mitfahren geht, aber ich habe leider von den Behörden ein Führerscheinverbot.“
Alexandra wusste nicht genau ob sie lachen oder den Kopf schütteln sollte. Sie entschied sich für eine Mischung aus beidem, dann zog sie demonstrativ den Autoschlüssel aus der Tasche und wedelte damit herum,
„Pack den Roller in den Kofferraum, Maren. Wir nehmen dich mit.“
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Nachgereicht: Sonnenschein

Beitrag von Schneemaehne » 26.03.2017 23:55

Ein Versuch sich in einen neuen Charakter ein wenig hinein zu fühlen. Kudos und Kekse an den Leser, der alle Anspielungen findet *lach* Ich hoffe es ist halbwegs angenehm zu lesen. Wenn man einen Char vorgelegt bekommt und je länger man sich mit ihm beschäftigt, desto mehr hat man Mitleid mit ihm. Hatte ich das Traumata-Bingo nicht mit Raeron abgeschlossen?


Sonnenschein

Mitten am Tag war die Luft so heiß, dass sie beim Einatmen in den Lungen brannte wie Gift. Über ihm wölbte sich ein kristallklarer Himmel, keine einzige Wolke erbarmte sich und spendete den Bewohnern der Ödnis auch nur einen Moment lang Schatten. Unbarmherzig brannte die Sonne auf den sandigen Grund herab, in Spiralen erhob sich die heiße Luft und erzeugte ein stetes Flimmern. Als würde der glühende Boden nach der Sonne greifen wollen.
Die wenigen Pflanzen, die es hier einmal gegeben hatte lagen vertrocknet und gebleicht zu seinen Füßen, ihre Wurzeln wie die Knochen eines grotesk verdrehten Ungeheuers. Ab und an, wenn die Winde richtig standen, fiel Regen auf das ausgedörrte Land. Was wie ein Göttergeschenk begann, endete nicht selten in einer Katastrophe: Zu lange war der Boden von der Sonne verbrannt, nichts hielt den groben Sand und Kies zurück. Das Land war am Verdursten, doch konnte es seine Rettung nicht in sich aufnehmen. Nur langsam versickerte das Regenwasser, bahnte sich vorher ganze Flusstäler zwischen den Dünen und verheerte meist mehr als es ein trockener Winter tat. Ihm gefiel diese Ironie.
Jetzt aber waren die Regenfälle ferne Zukunft, weit entfernt die kurze Blüte der Natur. Wer hier lebte, verstand es zu warten. Auf den Regen, auf kühlenden Wind, auf die Nacht. Auf Beute.
Wer hier lebte war immer auf der Hut. Die Wüste ließ keine Schwäche zu, keinen Fehler. Es war egal, wie viele Kämpfe man gewann, hier draußen war die erste Niederlage zugleich das Ende des eigenen jämmerlichen Lebens.
Mit einem trockenen Knacken zerfielen die Wurzeln unter seinen Stiefeln zu Staub als er die kleine Anhöhe hinaufstieg. Vor ihm erstreckte sich Meile um Meile ödes Land, sein Sichtfeld nur begrenzt durch das gleißende Sonnenlicht. Prüfend ließ er seinen Blick nach oben schweifen, nahm das leuchtende Azurblau des Himmels in sich auf, den brennenden Sonnenschein, den gleißenden Sand.
Das Land war nicht dafür gemacht, Leben zu tragen. Er hatte die dichten Wälder im Norden gesehen, ihr sattes Grün, ihre kühlenden Schatten und kristallklaren Wasser. So einfach schien es dort zu leben, wo man sich nur bücken musste um Wasser zu finden, sich nur etwas strecken um die süßen Beeren am Wegesrand zu pflücken. Er leckte sich unwillkürlich über die trockenen Lippen und schmeckte nur Blut. Kein Wunder, dass sie schwach waren. Überfluss machte träge, Zufriedenheit war das Ende jedes Kämpfers; wer zu lange ohne ihn lebte begann den Schmerz zu fürchten. Welch glückliche Fügung, dass er sie hin und wieder daran erinnerte! Wirklich, man sollte ihn dafür fürstlich entlohnen.
Ein düsteres Lächeln stahl sich auf seine ebenmäßigen Züge, während seine Finger aus alter Gewohnheit die schwere Nadel berührten die seinen schwarzen Umhang auf der Brust zusammenhielt. Beinahe andächtig strich sein behandschuhter Finger über die neun silbernen Riemen der Peitsche. Mit einem letzten Blick auf das Land, auf sein Land, machte er sich an den Abstieg, das Lächeln noch immer im Gesicht.
Am Fuße der Anhöhe angekommen ließ er sich von einem Sklaven die Zügel seines Pferdes reichen, die Augen des jungen rivvil fest auf den Boden gerichtet. Sein Lächeln wurde noch breiter, was den anderen nur noch mehr Furcht einzuflößen schien. Gut so. Vielleicht würde er ihn später für seine Unterwürfigkeit belohnen, sollte ihm der Sinn danach stehen.
Trotz des silbern beschlagenen Schuppenpanzers schwang sich die schlanke Gestalt vollkommen geräuschlos in den Sattel, wendete das Tier mit einem leichten Schenkeldruck und gab seinen Männern das Zeichen zum Aufbruch. Kein Wort wurde gesprochen, nur das dumpfe Geräusch der Hufe und das gelegentliche Klimpern und Knarzen des Zaumzeugs war zu hören. Er selbst ritt an der Spitze, innerlich dankbar für den leichten Windhauch, den der schnelle Ritt mit sich brachte. Ein jäher Luftzug riss ihm die Kapuze vom Kopf aber er scherte sich nicht weiter darum, ließ seine langen, weißblonden Haare offen nach hinten wehen. Sie waren Zeichen seiner Abstammung und damit die Bestätigung seines Anspruchs auf die Herrschaft über das Land. Es war eine Herausforderung an jeden, der es wagte ihn um seine Position bringen zu wollen. Sollten sie ihn angreifen, er hieß sie willkommen es zu versuchen. In seinen himmelblauen Augen loderte der Blutdurst, als er sich die Details des letzten erfolglosen Anschlags auf seine Person ins Gedächtnis rief. Damals hatte seine eigene Ungeduld ihn um den Genuss gebracht. Er hatte seine Lektion inzwischen gelernt.

Sollten die Elfen im Norden ihren Wald behalten. Sollten sie am Tage seinen Namen verwünschen und des Nachts vor ihm erzittern. Sie wussten nicht was in der Nacht ohne Sterne auf sie wartete, sie brannten nicht mit diesem Begehren, das sich anfühlte als müsste man verhungern. Er war daraus geboren worden, damit aufgewachsen, beinahe daran verreckt. Aber eben nur beinahe. Wieder und wieder, Sieg um Sieg. Die erste Niederlage würde immer die letzte sein, das galt auch für ihn. Die einzige Regel die selbst er nicht brechen konnte.

Es würde noch Wochen dauern bis Regen fiel. Wie gut, dass er und sein Land sich auch mit Blut zufrieden gaben.
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Re: Nachgereicht: Provokation|Hexenwerk|Sonnenschein

Beitrag von Lynx » 27.03.2017 10:10

Sehr stimmungsvoll geschrieben, gefällt mir gut! :)
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Re: Nachgereicht: Provokation|Hexenwerk|Sonnenschein

Beitrag von Schneemaehne » 27.03.2017 21:40

Danke schön^^ Kann es kaum erwarten den guten Herrn von der Leine zu lassen :P
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Re: Nachgereicht: Provokation|Hexenwerk|Sonnenschein|Magie

Beitrag von Schneemaehne » 29.08.2017 22:31

Geschrieben als Abschied meiner kleinen NSC-Pixie aus der DnD Gruppe. Gleichzeitig habe ich mal versucht das Stichwort "Magie" nachzureichen, da es bei dieser Sorte Fey ja immer recht magisch zugeht. Ich hoffe es macht auch ohne große Erklärungen zur Kampagne genug Sinn :)

Pykk hielt den Atem an als die Wache für eine Sekunde genau in ihre Richtung schaute. Obwohl es der Menschenmann nicht wusste kreuzten sich für einen winzigen Augenblick ihre Blicke – seiner müde, kurz vorm Ende seiner Wache, ihrer hellwach vor Aufregung und Tatendrang. Dann drehte er sich herum, sein kaum unterdrücktes Gähnen für ihre feinen Ohren gut zu hören. Geistesabwesend kratzte er sich am Bauch, rückte seinen Gürtel zurecht und schlug den Weg zurück zum Tor ein.Die Pixie atmete auf als der Mann aus ihrem Blickfeld verschwand. Zwar war ihre Sippschaft unsichtbar, aber eine Ansammlung von Pixies die die kritische Menge von zwei Exemplaren überschritt verwandelte sich gerne mal spontan in einen wahren Malstrom an glucksendem Gelächter, Unfug und gutwillig gemeinten Streichen. Was sie gerade jetzt nicht brauchen konnte. Auch wenn sie genau wie ihre Schwestern den losen Riemen gesehen hatte. Nur ein kleines bisschen zupfen und der Mann würde wahrscheinlich auf halber Strecke über seine Schnürsenkel fallen und… sie musste ein Kichern unterdrücken. Nicht jetzt.
So leise sie konnten flatterten die kleinen Fey die Straße hinunter bis hin zum Tor. Als sie an der Schmiede vorbei kamen, bat Pykk ihre Schwestern kurz inne zu halten. Aufgeregt leckte sie sich über die Lippen, dann machte sie sich daran mit an hundert Zöpfen geübten Fingern die Fensterladen zu dem Schlafzimmer der kleinen Familie zu öffnen. Barfuß trippelte sie zu den Puppen und Murmeln der kleinen Crinti herüber, ein immer breiteres Grinsen auf ihrem sommersprossigen Gesicht. Beinahe musste sie bei dem Gedanken giggeln wie sehr sich das Mädchen freuen würde! Oh, und sie war eine ganz Schlaue, die Kleine. Sie würde mit ihrem Geschenk viel Spaß haben.
Ganz sachte setzte sie ihre magischen Farben neben die Spielzeuge, ein wenig versteckt damit sie nicht sofort auffallen würden. Schließlich war das hier eine Überraschung! Dann zog sie ein kleines Blütenblatt aus ihrer Tasche, kramte nach einem abgebrannten Schwefelhölzchen das ihr als Kohlestift diente und hinterließ ihrer neuen Spielgefährtin eine einfache Nachricht in schönen, großen Buchstaben:
Male dir etwas aus und es wird wahr. Wir freuen uns auf euren Besuch.

Als sie die Fensterläden flüsterleise hinter sich verschloss trug die Palme neben dem Haus erstaunlicher Weise einige große reife Äpfel und das Wasser sprudelte in einem herzerwärmenden Rosaton aus dem Brunnen. Sie guckte kurz, zuckte die Schultern und sammelte ihre Schwestern ein bevor der arme Wachmann doch noch eine ereignisreiche Schicht beschert bekam und im Schutz von Unsichtbarkeit und der ruhigen, klaren Nacht flatterten die Pixies über die Stadtmauer und hinaus in die Wüste von Dambrath. Nur ein Wachhund hob kurz die Schnauze, wundernd woher der süße Geruch von Honig und warmem Blätterteig um diese frühe Zeit herkam. Dann ließ er den schweren Kopf wieder auf seine Pfoten fallen und döste wieder ein.
Eine halbe Stunde strammen Flugs später kam das kleine Lager in Sicht. Die Bardin und ihr schweigsamer Begleiter hatten es offenbar schon verlassen, nur noch der Rest eines Lagerfeuers und einige Spuren im sandigen Boden zeugten von ihrer Anwesenheit. Aber nicht unweit lagen mehrere dunkle Umrisse im Sand und schliefen und genau auf diese hielt Pykk nun zu.
„Halluuu!“, tschirpte sie fröhlich als der erste der Hunde seinen Kopf hob. Wenig später waren die quietschvergnügten Pixies umringt von mehreren Pfund Fell, Hundesabber und Begeisterung. Zum ersten Mal seitdem sie ihre Schwestern gefunden hatte, konnte sie aufatmen. Ein Gewicht, was sie beinahe vergessen hatte fiel der kleinen Pixie von den Schultern. Sie hatten es geschafft. Kurz dachte sie an den Totenwächter, seine sanfte Stimme und das riesige Stundenglas in seiner Hand. Viele, viele Sonnenzyklen blieben ihr noch auf dieser verdrehten, furchtbaren und wunderbaren Welt. Und auch wenn sie wusste, dass sie nächsten Wochen nicht leicht werden würden, dass in ihrem Wald große Unruhe Einzug gehalten hatte, fühlte sie sich stark genug um es mit all dem aufzunehmen.
Mit etwas Zauberkraft und dem zähen Steppengras flochten und knoteten die eifrigen Pixies in den nächsten Stunden einige gar sonderbar aussehende Gebilde. Gleichermaßen neugierig und froh endlich sich wegbewegen zu dürfen hielten die Hunde nur selten still, sodass die Sonne langsam aber stetig den Horizont erklomm als endlich das letzte Geschirr fertig war und jede Pixie grinsend auf einem der großen Hunde saß. Ihre Schwestern riefen sich ausgelassen Namensvorschläge zu, zwei haderten noch wer die besonders bunt gefleckte Hündin den ersten Tag lang reiten durfte. In die hellen Stimmen mischte sich bald der erste, einsame Vogelgesang. Diese Wüste war ganz anders als ihr Zuhause aber mit Erfindungsgeist und einem guten Schuss Magie würden sie es zurück in den Koraxwald schaffen bevor der Mond seine nächste Phase begann.

Die Sonne stieg stetig höher und wenn dieser Ort dichter bevölkert gewesen wäre, so hätten man bestimmt bald Geschichten über die sonderbare Reisegruppe an jedem Feuer hören können. So aber trotteten die Hunde dahin, die Pixies mal dösend, mal in fröhlicher Unterhaltung, mal einfach nur sich in das weiche Fell drückend auf ihren Rücken. Pykk ritt vorne weg und fühlte sich ein bisschen wie der Paladin auf seinem Schlachtross. Bei dem Gedanken folgten andere Erinnerungen, einige fröhlicher Natur, andere weitaus weniger angenehm.
Als die erste Nacht unter freiem Himmel anbrach, als alle gegessen und die Hunde eine unglaubliche Menge Wasser geschlabbert und dann nasse Küsse an die Pixies verteilt hatten, wurde es leise in ihrem kleinen Lager. An die Flanke ihres Reithundes gekuschelt ließ Pykk wieder und wieder die Hand über den glatten, bunten Stoff fahren, genoss den weichen Griff und den Kontrast zu dem drahtigen Hundefell.
Über ihr spannte sich der Himmel Fearûns so nah und deutlich wie er es im dichten Blätterdach ihres Zuhauses selten tat. Sie dachte an ihre ehemaligen Reisegefährten und war überrascht einen Anflug von Traurigkeit zu fühlen. Pixies lebten außerhalb der Zeit, sie war unendlich alt und doch vor kurzem erst geboren. Nach so wenigen Wochen bereits die zusammen gewürfelte Gruppe zu vermissen hatte sie nicht erwartet.
Sie hoffte dass Ducan jetzt dort oben war, in diesem Meer voller Sterne. Das er wieder jung und gesund war, auf schwankenden Brettern einem fernen Schatz nachjagte. Laut und wild und stolz wie er es bis zuletzt gewesen war.
Sie wünschte Brendan alles Gute in dieser Gegend voller Hass und Gift. Dass sein Gott seine schützende Hand über den Krieger halten würde, damit er nicht von seinem Pfad abwich und ihm die Nacht nichts anhaben konnte.
Fast das Gleiche wünschte sie Samis. Dass er nicht verzweifeln würde hier in dieser Welt die ihm so unglaublich fremd sein musste. Dass er das Licht seiner Heimat im Herzen tragen würde bis zu dem Tag an dem er seine Flügel zurück bekommen würde und mit ihnen weit, weit hinauf in diesen Sternenhimmel steigen und kreisen konnte. So viel höher als sie.
Sie wünsche Ninidaj hundert Nächte wie diese, wo die Welt den Atem anzuhalten schien und alles darauf wartete, ihre Laute und schöne Stimme zu hören. Dass sie am Ende von dieser langen, schweren Reise alles besser machen würde. Sie in eine Geschichte verwandeln, fesselnd und aufregend. Aber mit glücklichem Ende.
Sie dachte an Sion, wie er sie schon in Nilwarith verlassen musste. Vielleicht saß er jetzt noch zu später Stunde in einem Magierturm, umringt von Kerzen und uralten Büchern. Sie stellte sich vor wie er sich aufrichtete, den Rücken streckte und vielleicht gerade jetzt zu den selben Sternen sah wie sie.
Pykk musste bei dem Gedanken unwillkürlich lächeln.
Als nächstes dachte sie an Samir, der sich obwohl seine menschlichen Sinne ihn häufig im Stich lassen mussten, in der Nacht wohler gefühlt hatte als am Tage.Wie er lachend im Gasthaus auf sie gewartet hatte, freundlich und höflich für einen Mann seines Berufes, die Pfeife im Mundwinkel.
Bei der Pfeife wanderte ihr Sinn zu Tharalor. Der ihr geähnelt hatte in seiner Liebe zur Natur, aber noch so jung war und viel zu viel Verantwortung auf seinen schmalen Schultern trug. Er würde wie ein Baum einfach weiterwachsen, würde stark und tief verwurzelt werden, ein Teil des Landes. Vielleicht ein bisschen krummer, vielleicht ein bisschen windzerzaust aber irgendwann würde er lernen, dass Moos auf den Schultern nicht reichte. Ein bisschen fey musste man da einfach sein.
Mit einem Gähnen rollte sie sich auf die Seite, verlor die Sterne aus dem Blick und kuschelte sich in das dicke Hundefell. Sie hatte Sila nie gemocht, das war kein Geheimnis. Trotzdem wünschte sie der Drow nichts Böses. Ein bisschen zu viel Salz in jeder Suppe und dass sie mal in etwas hinein fassen würde was sie kräftig zwickte, das schon. Aber nichts wirklich Böses. Sie fragte sich, was nun in ihr vorgehen würde, auf einmal so nah an ihrem eigenen Volk. Hier war sie eine Außenseiterin gewesen, allein wegen ihrem Aussehen. Würde sie zurück in die sternenlose Nacht gehen, sobald sich die Gelegenheit bot? Hatte so dort jemanden, der noch auf sie wartete?
Sie spielte Gedanken verloren mit einem Zipfel ihres Kleidchens. Morgen würde sie wieder ihre Blätterrüstung anziehen, damit der bunte Stoff nicht in der Sonne zu sehr litt. Es war jetzt schon ihr Lieblingskleid. Sie hatte den Gnom sehr gemocht, trotz seines Streiches. Oder gerade deswegen. Wie er fröhlich durchs Leben schritt, immer einen frechen Spruch auf den Lippen. Allein wie er sich immer so förmlich vorstellte, die Erinnerung entlockte ihr ein Kichern. Glööckli Brockenhust Immergün, Sohn des Dotterblum Wurmtanz, Meister des goldenen Stiches und ehrenwerter Inhaber des adamantenen Schildes. Sie würde sich den Namen notieren müssen bevor sie ihn aus Versehen vergaß.

„Pykk, bist du noch wach?“ Sie hob den Kopf als sie spürte wie sich jemand neben sie setzte.
„Hey, alles gut?“
Sie klopfte auf den Sand neben sich um ihrer Schwester zu bedeuten sich zu setzen. Mit einem viel zu tiefen Seufzer für ein so kleines Wesen ließ sich Nara neben sie fallen.
„Kannst du auch nicht schlafen?“
Sie nickte.
„Es ist einfach so viel passiert. Ich will nach Hause, am liebsten würde ich die ganze Nacht durchfliegen.“ Nara ließ den Kopf auf ihre knochigen Knie sinken und Pykk rutschte näher als sie die Gänsehaut auf ihren nackten Beinen sah.
Für eine Weile saßen die beiden einfach still da,beobachteten die Sterne und wie sich die schattenhaften Umrisse der Hunderücken träge beim Atmen hoben und senkten.
„Ich habe da einen Spruch gehört auf dem Markt. Ich fand ihn sehr schön“, flüsterte Nara nach einer gefühlten Ewigkeit, „Wenn du nachts nicht schlafen kannst, liegt das daran, dass jemand gerade von dir träumt und du dort wach bist.“
Pykk musste unwillkürlich grinsen.
„Wenn das wirklich so ist, dann nehme ich gerne ein paar schlaflose Nächte in Kauf, Nara“, gab sie versonnen zurück.
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Re: Nachgereicht: Provokation|Hexenwerk|Sonnenschein|Magie

Beitrag von Lynx » 01.09.2017 10:24

Der Text hat sich sein "Awww" verdient. Vor allem das Ende hat mir gut gefallen. <3
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Beitrag von Schneemaehne » 23.10.2017 22:23

Dann arbeiten wir die Liste mal weiter ab :) Solange beim aktuellen Stichwort die Ideen fehlen kommen halt die alten dran!


Die Sonne hatte längst ihren weiten Weg über den Himmel angetreten, aber eingeschlossen zwischen den steilen Berghängen lag die Anlage des Ordens noch lange im Zwielicht. Aufmerksam beobachtete er wie die Schatten an Schärfe gewannen, das Licht des Himmels in kräftige Rottöne überging.
Der Morgentau benetzte seine Stiefel aus dunklem Leder, als er sich geräuschlos zwischen den schlafenden Leuten bewegte. In den Küchen herrschte bereits Betrieb, hier draußen am Brunnen noch schläfrige Stille. So allein wie er es seit Tagen nicht gewesen war erlaubte er sich einen unverhohlen angeekelten Blick zu der spiegelnden Oberfläche voll heiligem Wasser. Er hatte gestern Gläubige und Reisende sich rituell darin waschen sehen, es teilweise sogar trinken. Für ihn fühlte es sich an, als würde er neben einer Säuregrube stehen.
Angewidert wandte er sich ab und zog seinen lautlosen Kreis weiter durch den Garten. Überall standen Kunstwerke, deren meisterhafte Fertigung er nicht absprechen konnte. Trotzdem berührten ihn die Motive wenig: Feiernde Gruppen tanzten um Feuer, selige Gläubige vollbrachten Wunder und heilten Wunden. In wilder Jagd erlegten Priesterinnen eine gefährliche Bestie. Desinteressiert hielt er hier und dort kurz inne, fand aber nichts was ihn persönlich angesprochen hätte.
Am Ende des Weges stand das Abbild der Göttin selbst. Unbekleidet bis auf ihr wallendes Haar, dass der Bildhauer geschickt um ihren Körper drapiert hatte um wenigstens ihre Scham zu bedecken. In einer Hand das schneeweiße Langschwert, ihr Körper im Tanz gebogen, ein Moment der perfekten Balance. Wer auch immer es vor langen Jahrzehnten aus dunklem Stein geformt hatte, hatte sein Handwerk verstanden, der schwarze Stein sah aus als würde sie im nächsten Moment ihren Reigen fortsetzen und mit weiten Schritten durch die ihr gewidmeten Gebäude und Gärten tanzen.
Aber das tat sie nicht. Sie war aus Stein und er wahrscheinlich eine der letzten Kreaturen welche die Dunkle Tänzerin in ihrem Heiligtum wissen wollte. Der Gedanke ließ ihn lächeln. Forschend suchte er den Blick der Statue. Tiefe, alte Melancholie lag in den steinernen Augen aber ihr Lächeln war sanft und freundlich.
Der Dunkle Prinz sah hinauf, sein Lächeln das eines Raubtiers, seine Augen kalt. Unter der dünnen Tunika verbarg sich kein ebenmäßiger Körper, geformt von Tanz und Schwertkampf, keine Haut wie polierter Obsidian. Er war überzogen mit Narben, ein Teppich von alten Kämpfen, von beinahe gelungenen Ausweichmanövern, von verdienten und unverdienten Strafen. Ein Brandzeichen auf der Brust damit er trotz seiner hellen Haut nicht vergaß wem er gehörte. Sehnig und schmalschulterig wie sein Vater es gewesen war, größer als die meisten Drow wegen dem Erbe seiner Mutter. Die Erinnerung an die Wärme in ihren Augen hatte er längst abgelegt und niemand der Chadra kannte hätte sie in seinem kühlen Blau wiedererkannt. Sie war eine Rebellin gewesen, sein Vater ein Waffenmeister des Unterreiches. Und er? In Gewalt gezeugt und zu dem Kettenhund geformt den seine Halbschwester benötigte.
Gefällt dir, was du siehst, Tänzerin? verhöhnte er die Göttin im Stillen. Beinahe hätte er gelacht. Sorgst du dich um deine Kinder? Wie ruhig sie schlafen, in ihren Träumen bei dir. Er wandte sich ab um zu sehen, dass er weder im taufeuchten Gras noch auf dem Kiesweg die geringste Spur hinterlassen hatte. Immer in den Schatten bleibend machte er sich auf den Rückweg, verteilte hier und dort einen Tropfen Gift in offenstehende Krüge, ließ einen um den Hals getragenen Schlüssel verschwinden.
Wirst du jetzt herabfahren und mich aufhalten? Er schloss kurz die Augen, genoss den Schmerz den die hellen Strahlen der Wüstensonne auf seiner empfindlichen Haut verursachten. Oder hoffst du, dass sie die Bestie in ihrer Mitte schnell genug erkennen?
Natürlich erhielt er keine Antwort, aber er hatte auch keine erwartet. Seine Hand glitt zu dem Griff seines Rapiers, schlanke bleiche Finger streichelten über den edel verzierten Korb wie über den Kopf eines Tieres. Er gab dieser Gruppe bis zum Sonnenuntergang um ihm Ergebnisse zu liefern. Ansonsten würde er das hier auf seine Art und Weise beenden.
Er hoffte sehr darauf, dass sie scheitern würden.
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Re: Nachgereicht: Provokation|Hexenw.|Sonnensch.|Magie|Morge

Beitrag von Lynx » 24.10.2017 12:54

Eigentlich will ich nur rufen "Wuhuhu, Lederhintern!"
aber dazu ist es zu schön geschrieben. Mal wieder. Ich finde du hast es echt raus, einfach unheimlich viel Stimmung in deine Geschichten zu packen, ohne dass es die Texte aber auf endlose Beschreibungen herabbricht. Bitte mehr. <3
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Re: Nachgereicht: Provokation|Hexenw.|Sonnensch.|Magie|Morge

Beitrag von Schneemaehne » 25.10.2017 00:21

Danke sehr. Von ihm kommt definitiv noch mehr, schreibe mich gerade so ein wenig in Stimmung :) Muss nur die Woche vorher überleben!
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