Schneekind

Selbstgetextetes und Selbstgemaltes...

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Schneemaehne
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Schneekind

Beitrag von Schneemaehne » 30.11.2014 21:15

So, nachdem ich mit Dan endlich auch emotional abgeschlossen habe (okay, Lüge, ich glaube nicht dass ich das in den nächsten Monaten schaffe), hier endlich einmal das Debüt meines lieben Raeron zusammen mit seinem Reittier/Gefährten Etana. Wieder ein Halbelfenchar (diesmal nicht auf meinem Mist gewachsen!) allerdings davon abgesehen das genaue Gegenteil meiner Schurkin. Bühne frei für den Herren, der ab jetzt das "zufällige" Anstecken von Waisenhäusern verhindern wird!
(P.S.: Etana habe ich hier als "sie" bezeichnet, einfach weil die Endung -a das im Deutschen irgendwie impliziert. An und für sich ist es aber weder männlich noch weiblich. Da aber im Deutschen "es" nicht geschlechtsneutral ist, sondern eine Sache bezeichnet und ich mir das altgeschichtliche Hilfskonstrukt "sier" nicht ganz genehm ist, mögt ihr mir bitte die weibliche Konnotation verzeihen!)



~Schneekind~

„Glaubst du, es wird diese Woche noch schneien?“
„Ich glaube nicht. Es ist noch zu warm, Rafael.“
Das Knistern des Feuers mischte sich mit dem trockenen Rascheln von Buchseiten. Draußen war es längst dunkel geworden, aber hier im Gemeinschaftsraum spendeten Kerzen, Kaminfeuer und magische Lichter gleichsam ihr rotgoldenes Licht. Direkt vor dem Kamin saß ein etwa zehnjähriger Junge, seine wilden braunen Haare mit einem Lederband im Nacken zusammengebunden. Er trug die einfache helle Wollkleidung der untersten Ränge und in seinem Schoß lag eine Hose aus dem gleichen Material. An den Knien war der dichte Stoff aufgerissen und er war gerade dabei zwei große Flicken aufzunähen.
„Aber die Gänse sind alle schon weggeflogen.“
„Sie müssen ja auch noch eine weite Strecke schaffen. Würdest du gerne auf halbem Weg nach Hause vom Schnee überrascht werden?“
Für einige Sekunden herrschte erneut Ruhe während der Junge nachdachte.
„Ich glaube, ich fände es nicht schlimm. Schnee ist wunderschön, gerade wenn man ihn den ganzen Sommer über nicht gesehen hat. Und man kann Schneeburgen bauen!“
„Die Gänse werden keine Zeit haben ihn zu genießen. Für sie bedeutet der Winter hauptsächlich Kälte und Hunger. Niemand reist gerne hungrig.“
„Dafür, dass man dich früher Schnee genannt hat, magst du ihn aber nicht besonders.“
Die Gestalt in dem niedrigen Stuhl neben dem Feuer lachte leise.
„Hat Meister Londo wieder Geschichten erzählt?“
„Ja. Also, nein… versteh das jetzt nicht falsch! Er hat uns die Listen der alten Könige auswendig lernen lassen und Jarik hat gefragt, warum es so wichtig sei Namen zu kennen. Daraufhin meinte dann Londo, dass Namen sehr bedeutend sind, weil sie manchmal zeigen, was es für ein Herrscher war. Und dann hat Jarik gemeint-“ Eine wegwerfende Handbewegung des Älteren schnitt ihm das Wort ab.
„Schon in Ordnung, Rafael. Du musst dich nicht vor mir rechtfertigen. Allerdings hast du nicht ganz Recht: Ich wurde zwar Fawe gerufen aber wenn man genau sein will – und Meister Lothirlondoris ist immer genau – dann war das nie mein richtiger Name. Der ist lange verloren gegangen und so habe ich seit meiner Ankunft in der Feste mehr als einen Namen getragen.“
„Aber warum Schnee? Weil du so helle Haare hast?“
„Auch das.“ Der Ältere nahm betont langsam sein Buch wieder in die Hand und schlug die Beine übereinander. Rafael wartete einige Minuten, sobald er wieder das gleichmäßige Rascheln von Seiten hörte schielte er zu ihm herüber. Fast jeder kannte den Halbelfen hier in der Feste, zumindest vom Sehen. Und mit seiner hellen Haut, den silbernen Augen und weißblonden Haaren sah er wirklich ein wenig aus als wäre er nicht zur Hälfte ein Elf sondern ein Schneegespenst. Im Moment, wo er ein graues Wams und eine dunkle Hose trug, war die Wirkung schwächer. Aber wenn er tatsächlich im vollen Ordensgewand aufbrach, schien er den Marmorstatuen im Großen Hof ähnlicher als einem Wesen aus Fleisch und Blut.
Als hätte er seinen Blick gespürt sah der Ältere auf und Rafael schaute schnell wieder zurück auf seine Flickarbeit. An sich mochte er die ruhigen Abende am Kaminfeuer. Es war warm und bequem und oft wären ältere Ordensmitglieder im Raum, die manchmal die spannendsten Geschichten von ihren Reisen erzählten. Einige würden sogar singen oder ein Instrument spielen um die Zeit vor dem Nachtgebet zu vertreiben. Nur heute waren die meisten nicht in ihre Quartiere zurückgekehrt, sondern weilten bei ihren Familien um das morgige Fest vorzubereiten. Wenige blieben zurück, wie er und seine Altersgenossen, die bei den Vorbereitungen wenig helfen konnten. Oder andere Ordensleute wie Fjella und Ingram, die vorhin gegangen waren um die Torwache abzulösen - ihre Verwandten lebten nicht innerhalb der Festungsringe und die Reise wäre einfach zu lang. Und dann gab es einige wenige, wie die beiden Gestalten am Feuer, die einfach keine Familie außerhalb des Ordens hatten.
„Sag mal, Raeron, wie hast du eigentlich Etana gefunden?“, fragte er um sich vom plötzlichen Anflug von Traurigkeit abzulenken.
Der Angesprochene legte seufzend seine Lektüre beiseite bevor er aufstand und sich neben Rafael auf den Kaminvorleger setzte. Mit einem nur schlecht unterdrückten Gähnen lehnte er sich gegen den warmen Stein und schob eine widerspenstige Strähne zurück unter sein Kopftuch.
„Du würdest einen guten Wissenssammler abgeben, Raf, so gerne wie du Geschichten hörst. Hat dir Londo nicht heute schon genug erzählt?“
„Verzeih, ich wollte nicht…“
„Schon verziehen. Unter uns gesagt, dieses Buch ist sterbenslangweilig. Versteh einer zwergische Erbfolgegesetze.“
Nachdem er ein wenig hin und her gerutscht und endlich eine bequemere Position gefunden hatte, wagte es Rafael erneut:
„Also… wie hast du Etana gefunden?“
„Ich glaube, es wäre richtiger zu sagen, dass Etana mich gefunden hat. Es war im späten Herbst, noch vor dem ersten Schnee, genau wie jetzt. Das Wetter war furchtbar und so wurden wir Anwärter alle früh schon ins Bett geschickt. Es war schrecklich kalt und weil ich nahe am Fenster lag konnte ich lange Zeit nicht einschlafen. Der Wind heulte, der Regen prasselte gegen die Fensterläden und es zog eisig zwischen den Brettern hindurch. Als ich endlich einschlief, träumte ich von Pferden…“

~*~

Die schneebedeckte Ebene erstreckte sich so weit sein Auge reichte. Über ihm wölbte sich der Winterhimmel und irgendwo in der Ferne verschwamm das Grau der Wolken mit dem Weiß des Bodens. Er wusste, dass er träumte, allein weil er barfuss im Schnee stand und es ihm kein bisschen fror. Die Welt war still, so unendlich still und auch das war ein Zeichen, dass nichts was er sah wirklich geschah.
Um ihn herum zogen Pferde durch den Schnee, ihre Hufe machten kein Geräusch wenn sie die oberste harsche Schicht durchbrachen. Sie waren klein und zottelig, die Mähnen so dick dass er mit beiden Händen hinein greifen wollte um zu fühlen wie weich sie waren. Einige waren grau, die meisten aber braun und trotzdem sah jedes anders aus. Und er lief nebenher und freute sich daran wie schön sie waren. Er träumte oft von Pferden, aber als er Meister Londo danach fragte hatte der silberne Drache nur die Schultern gezuckt. Die Träume von Kindern seien ein wildes Land und gerade er als Halbelf würde sich eines Tages entscheiden müssen ob er überhaupt noch schlafen wolle. Das hatte er damals nicht verstanden, aber hatte sich höflich bedankt und war gegangen.
Während er daran dachte, wie er damals durch die Türe in Londos Klassenzimmer gegangen war, ging der Traum verloren. Als er die Augen aufschlug, waren die Pferde verschwunden und er starrte in die Dunkelheit des Schlafsaales im Ostturm. Gerade wollte er sich umdrehen, als ihm ein Licht auffiel. Es war schwach, aber hell und silbrig wie Sternenlicht. Hatte jemand vergessen die Fensterläden zu schließen? Neugierig stand er auf, seine Decke wie einen Umhang um die schmalen Schultern geschlungen. Das Licht wurde immer heller und schließlich stand er in der Mitte des Saals einem ganz sonderbaren Wesen gegenüber: Es schien nur aus Licht zu bestehen, aber seine Umrisse wellten sich und verschwammen, fast als würde man versuchen den Mond in einem unruhigen Fluss zu betrachten. Er wunderte sich, warum niemand sonst das Licht bemerkt hatte.
„Wer bist du?“, fragte er das Wesen und schalt sich selbst sofort für seine Unhöflichkeit.
„Etana“, antwortete es. Die Stimme des Lichtwesens war sonderbar, sie schien von überall zu kommen und nicht nur von vorn. Außerdem, dachte er, klang es als würde jemand eine Flöte und eine Trommel zugleich als Stimme haben. Trotzdem nahm er seinen Mut zusammen und fragte weiter:
„Was ist ein Etana?“
„Es gibt nur ein Etana, und das bin ich. Es ist mein Name, Kind.“
„Verzeihung. Ich wollte Euch nicht beleidigen.“
„Euch? Ich sagte doch, ich bin alleine hier. Aber wer bist du?“
„Wer ich bin weiß ich nicht. Aber ich heiße Fawe.“
„Fawe?“
„Ja, wie der Schnee. Weil ich so blass bin und weil man mich im Schnee sitzend gefunden hat.“
„Du scheinst mir ein sonderbares Kind zu sein, Fawe.“
„Das sagen die anderen Kinder auch. Manchmal nennen sie mich auch Faire. Ich mag es nicht gerne so gerufen zu werden, denn es bedeutet so etwas wie Geist.“ Er wusste nicht warum er dem fremden Lichtwesen so viel erzählte. Aber es erschien ihm wichtig, vor allem nachdem er so einen schlechten ersten Eindruck hinterlassen haben musste.
„Und doch bist du weder ein Geist noch aus Schnee. Deine Namen sind verwirrend“, antwortete es. Es klang ein wenig, als würde es lachen.
Er aber wusste nicht was er darauf sagen sollte und so blieb er stumm. Noch immer war keiner der anderen aufgewacht und das obwohl er sich mit dem Lichtwesen unterhielt ohne zu flüstern. Kurz hielt er inne und lauschte – es war absolut still. Selbst der Wind war zum Erliegen gekommen und der Regen prasselte nicht mehr. Probeweise ließ er die Decke fallen und merkte, dass ihm nicht kälter wurde.
„Ich träume.“
„So ähnlich, ja.“
„Mein Lehrmeister sagt, Kinderträume sind oft verworren. Aber so etwas wie dich habe ich noch nie erträumt.“
„Das liegt daran, dass ich kein Teil dieses Traumes bin. Ich bin ein Gast, genau wie du.“
„Das verstehe ich nicht.“ Jetzt, wo er sich sicher war, dass er nur träumte erlaubte er sich etwas näher an das Wesen heranzugehen. Je länger er hinsah desto mehr leuchtete es und inzwischen konnte er einen Umriss erkennen, ein bisschen wie ein sehr großer Hund. Vielleicht aber auch ein kleines Pferd. Auf jeden Fall vier Beine.
„Das musst du auch nicht. Du bist noch sehr jung.“
„Ich bin schon zwölf.“
„Und das ist kein Alter für jemanden wie mich. Trotzdem hast du mich gerufen.“
„Ich habe dich gerufen? Wann und wie denn? Ich habe eigentlich von Pferden im Schnee geträumt. Das tue ich oft, musst du wissen.“
„Ich weiß nicht wie. Aber du hast nach mir gerufen und jetzt bin ich hier.“
„Aber warum sollte ich nach jemandem rufen den ich nicht kenne?“
„Weil du alleine bist.“
Die Worte lagen drückend im Raum und er ließ sich auf seine Decke fallen, so schwer waren sie. Zuerst wollte er Etana erzählen, dass er nicht alleine war. Schließlich standen sie in einem Raum mit 15 anderen Anwärtern, in der größten Festung der Paladine auf dem ganzen Kontinent. Wie groß der Kontinent war, wusste er nicht, aber auf den Karten sah er sehr groß aus. Dann überlegte er, ob er das Lichtwesen darauf hinweisen sollte, wie furchtbar unhöflich es gerade war. Aber als er aufsah stand es immer noch nur da, leuchtete still vor sich hin und sah mehr und mehr aus wie eines der Ponys aus seinem ersten Traum. Und nach einer Weile die ihm unendlich lang vorkam, fragte er:
„Bist du denn auch alleine, Etana?“
„Ich bin es gewesen. Die Zeit ist nicht wichtig, dort wo ich herkomme. Aber nach deinen Maßstäben gerechnet war ich sehr, sehr lange alleine. So lange, dass es fast schon eine Ewigkeit ist.“
„Ist das nicht furchtbar einsam?“
„Manchmal.“
„Vermisst du deine Freunde und deine Familie nicht?“
„Ich habe keine.“
Er sah auf bei diesen Worten, eine heimliche Träne in den Augen.
„Ich auch nicht.“
Vorsichtig stand er auf und streckte eine Hand aus. Er hatte gedacht, dass es sich vielleicht warm anfühlen würde das Licht zu berühren, wie wenn man seine Finger über eine Kerze hielt. Oder dass vielleicht unter all dem Licht wirklich ein Pony steckte, mit struppigem Fell und weicher Mähne. Aber nichts passierte. Seine Finger glitten durch das Silberlicht wie durch die Mondstrahlen, die manchmal durch die hohen Fenster in der Großen Halle fielen. Es kribbelte ein wenig und das war es auch schon. Etwas enttäuscht setzte er sich wieder hin und Etana lachte erneut. Es klang als würde jemand eine Trommel in einem engen Kellergang spielen, so dumpf war der Ton.
„Ich bin nur Gast in dieser Welt, das sagte ich doch. Wie ein Bild, was du im Spiegel siehst.“
„Und wo bist du wirklich?“
„In der Bresche zwischen den Welten.“
„Dann bist du ein Geist“, stellte er fest und war überrascht wie wenig ihn das ängstigte.
„Nicht ganz. Ich bin ein Außenseiter, ich war nie Teil der Welt die du kennst. Geister jedoch sind es einmal gewesen und wollen nun zurück. Ich mag sie nicht besonders. Sie sind oft sehr laut in ihrem Toben.“
„Von so etwas habe ich noch nie gehört.“
„Ich bin mir sicher, deine Ausbildung ist noch nicht abgeschlossen. Vielleicht würdest du es erst später lernen?“
„Vielleicht. Ich werde fragen, wenn ich aufwache.“
„Und wann wachst du auf?“
„Ich weiß nicht. Träume sind sehr eigen, manchmal sind sie ganz kurz, manchmal erlebe ich eine ganze Woche und mehr in ihnen. Ich weiß nicht, wann dieser hier vorbei sein wird.“ Er machte eine Pause. „Aber Etana? Kannst du noch ein wenig bleiben?“
„Wenn du das möchtest.“
„Ja, bitte.“

~*~

Es war noch stiller geworden im Kaminzimmer. Rafael hatte seine Näharbeit längst vergessen, stattdessen wartete er ungeduldig darauf, dass der Halbelf weiter erzählte. Der aber starrte nur abwesend in die Flammen, die Hände im Schoß gefaltet als wolle er beten. Raeron hatte ihm oft erzählt, wie glücklich er war in der Feste aufgewachsen zu sein und nicht in irgendeiner der umliegenden Dörfer in denen man einem Halbblut wie ihm sehr wahrscheinlich weniger Zuneigung geschenkt hätte. Die Letzte Hoffnung hatte ihren Namen von den weiter nördlich liegenden Schlachtfeldern der alten Zeit erhalten, aber tatsächlich bedeutete sie bis heute für viele eine sichere Zuflucht vor der Welt. Er hatte nie darüber nachgedacht, dass auch die erwachsenen Ordensmitglieder Tage gehabt hatten, an denen sie am liebsten weggegangen wären. Hatte sich Raeron auch manchmal im Unterricht so sehr gelangweilt, dass er die gemalten Blumen an der Decke gezählt hatte? Bestimmt nicht, angeblich war der Halbelf ein Musterschüler gewesen. Aber Ingramm bestimmt! Er hätte auch genau wie Jarik und er versucht mit Schneebällen die Eiszapfen am Dach gegenüber dem Ostturm zu treffen, da war er sich ganz sicher.
„Raeron?“
Der Angesprochene zuckte zusammen als hätte man ihm vors Schienbein getreten. Etwas verdutzt blinzelte er den Jungen an, dann rieb er sich mit einem Seufzen die Stirn.
„Verzeih mir, Raf, ich war mit den Gedanken woanders. Ich hatte in den letzten Wochen wenig Zeit zum Nachdenken und die alten Geschichten bringen eine Menge Erinnerungen.“
„Manchmal klingst du, als wärst du zehnmal so alt.“
„Ich bin älter als ich aussehe.“
„Ja, aber nicht halb so alt wie Anselm. Der hat schon graue Strähnen!“
Das entlockte dem Hellhaarigen ein Lächeln. „Lass ihn das nicht hören. Anselm ist vielleicht älter als alle in diesem Turm zusammen, aber das heißt nicht, dass er uns nicht mit einer Hand auf dem Rücken noch durch den halben Garten prügeln könnte.“
„Uns vielleicht, Etana nicht.“
„Nur, weil sie inzwischen ziemlich groß geworden ist.“
„Das heißt, sie war tatsächlich mal kleiner?“
Raerons Blick wanderte erneut zum Feuer und Rafael fürchtete schon, dass er erneut Grübeln würde anstatt zu erzählen. Stattdessen sprang aus den Flammen ein kleiner Funke, der in der Hand des Halbelfen rasch zu einem winzigen Pony wurde, das aufgeregt zwischen seinen ausgestreckten Fingern herum sprang. Begeistert klatschte der Jüngere in die Hände.
„Etana und ich trafen uns ab diesem Moment jede Nacht. Ich hielt ihre Existenz vor den anderen Anwärtern geheim, da ich immer noch dachte, sie wäre nur eine Erfindung meiner Träume. Ich hatte Angst, dass sie mich auslachen würden, wenn ich ihnen davon erzählte. Oder schlimmer noch, dass sie dachten ich würde damit angeben wollen, dass ich mich nachts mit irgendwelchen Lichtwesen unterhielt. So blieb Etana lange mein gut gehütetes Geheimnis. Bis sie mir eines Nachts den Vorschlag machte, sie könnte für immer bleiben. Unwissend wie ich war, brauchte sie lange um mir zu erklären was sie eigentlich damit meinte. Aber schließlich willigte ich ein…“

~*~

Das Letzte woran er sich erinnerte war ein gleißendes Licht. Danach war alles in Dunkelheit gefallen, zurück blieben nur das Kribbeln der Magie und ein heftiger Schmerz an seinem Kopf. Es fühlte sich an, als wäre er mit einem der hölzernen Übungsschwerter genau auf die Stirn getroffen worden.
Dann folgte lange Zeit nichts. Er wusste dass er zusammengerollt auf seinem Bett lag, zumindest spürte er sein Kissen an der Wange und hatte die Finger fest in seine dicke Wolldecke gekrallt. Manchmal, wenn er noch nicht ganz eingeschlafen war oder noch nicht ganz wieder erwacht, hatte er einige Sekunden wo sich Traum und Wirklichkeit auf sonderbare Weise vermischten. Normalerweise dauerte es nur wenige Herzschläge, aber er war sich sicher, heute bereits Stunden so zugebracht zu haben. Als er es endlich schaffte den Schlaf völlig abzuschütteln und mühsam die Augen aufschlug, wusste er, dass er verschlafen hatte. Die Sonne schien hell durch die Fenster und sein Magen knurrte ganz fürchterlich. Warum hatten die anderen ihn denn nicht geweckt? Meister Londo würde ihn einen Kopf kürzer machen wenn er heute nicht erschien!
Hektisch stützte er sich hoch und schwang die Beine über die Bettkante, nur um sofort wieder in sein Kissen zurückzufallen. Sein Kopf pochte und ihm war mit einem mal so schwindelig, dass er sich mit zusammengekniffenen Augen an der Bettkante festhalten musste. Als sich die Welt endlich nicht mehr drehte, spürte er wie sich eine Hand auf seine Haare legte.
„Sachte, Fawe. Ich möchte dich ungern noch mal vom Boden aufsammeln müssen.“
Er erstarrte als er die Stimme erkannte. „Meister Lonthirlondonis, verzeiht mir, ich muss verschlafen haben… habe ich Eure Stunde versäumt?“
„Du hast die letzten drei Tage versäumt, Junge.“
Die Worte brauchten einige Momente bis sie wirklich zu ihm durchdrangen.
„Aber wie? Was ist passiert?“
„Ich hatte gehofft, dass könntest du mir erklären.“
Langsam setzte er sich erneut auf, bis er schließlich im Schneidersitz auf seinem Bett saß. Wortlos reichte ihm Londo eine Schale mit kalter Brühe und ein Stück trockenes Brot bevor sich sein Lehrmeister wieder auf den ungepolsterten Stuhl setzte, der neben seinem Bett aufgestellt worden war. Vorsichtig knabberte er an dem Brot, aber als sein Magen nicht protestierte war es schwer, nicht einfach alles herunter zu schlingen.
„Du hast uns allen einen ganz schönen Schrecken eingejagt, Fawe.“
„Es tut mir Leid, Meister. Mir war nicht bewusst, dass ich so lange geschlafen habe.“
„Aber weißt du warum?“
Er zögerte einen Herzschlag lang. Es war eine Sache seinen Freunden nicht aus freien Stücken von Etana zu erzählen, eine direkte Frage seines liebsten Lehrmeisters konnte er schlecht unbeantwortet lassen. Ein Paladin log nicht und er hatte so fest vor, einmal einer zu werden.
Also berichtete er was er geträumt hatte. Von dem Lichtwesen was immer mehr aussah wie ein Pony und mit dem er nachts redete, wenn er mal wieder alle Übungskämpfe verloren hatte. Mit dem er Rätselspiele spielte, weil seine Altersgenossen es langweilig fanden und diejenigen, die ihm von Größe und Statur her glichen viel zu jung waren um seine Ideen zu verstehen. Die ganze Zeit über saß Londo nur da und nickte. Zu Beginn war seine Erzählung stockend und etwas wirr, dann berichtete er immer ausführlicher von Etana. Erst als er zu dem Moment kam, in dem sie vorschlug bei ihm zu bleiben, schossen die Augenbrauen des Älteren in die Höhe.
„Und du hast das Angebot angenommen?“
„Ja, Meister.“
„Was du da getan hast, Fawe, ist sehr gefährlich. Nicht alle Wesen die uns in unseren Träumen begegnen, sind gute Geister. Du hättest einem von uns sehr viel früher davon berichten sollen.“
„Es tut mir Leid. Ich hatte Angst, ich würdet mich auslachen.“
„Habe ich dich je ausgelacht, Fawe?“
„Nein, Meister.“ Er ließ seinen schmerzenden Kopf hängen. Am liebsten hätte er geweint, aber dafür war er längst zu groß. Weinen taten nur die kleinen Kinder und er zählte sich längst schon nicht mehr dazu.
„Ich würde gerne mit Etana reden.“
Verwirrt riss er den Kopf hoch und bereute es sofort. Der Schmerz war sengend und er schlug beide Hände vor die Stirn – und erstarrte.
„Ein Beschwörer, der seine Seele an ein Eidolon gebunden hat, ist durch eine magische Rune auf der Stirn für immer gezeichnet.“ Londos Stimme klang betont ruhig, wie wenn er seine Klasse für nicht gemachte Hausarbeiten ausschimpfte. Er fühlte sich mit jedem Wort elender. „Das Eidolon trägt fortan dasselbe Mal, es kann durch keine Magie verborgen aber durch einfache weltliche Mittel verdeckt werden. Ich hoffe du trägst gerne Stirnbänder, Fawe.“
Er wusste nicht genau was Londo meinte, aber es machte ihm Angst. Bevor er eine Antwort stottern konnte, brachte ihn Londos Blick zum Schweigen.
„Ruf bitte Etana, Fawe. Wir drei haben einiges zu besprechen.“
„Ich… ich weiß nicht wie“, gab er kleinlaut zu. Langsam kroch Panik in ihm hoch. Was hatte er nur getan? Würden sie ihn wegschicken?
„Das ist keine Magie, die ich dich lehren könnte. Du hast Etana gebunden und nur deinem Ruf wird sie noch antworten.“
Er biss sich auf die Unterlippe. Wie sollte er denn nach ihr rufen? Bisher war sie immer einfach gekommen wenn er eingeschlafen war. Er hatte sich schon beim Zubettgehen gefreut, hatte sich das letzte Gespräch durch den Kopf gehen lassen während er sich seine nächsten Fragen überlegte. Etanas Stimme, sonderbar durch ihren Doppelklang aber nicht unangenehm, das leichte Leuchten als wäre sie in Wahrheit ein Mondstrahl, der sich verlaufen hatte…
Ein Schauer lief ihm den Rücken runter, als ein ihm wohlbekanntes Licht den Raum erfüllte. Nur dieses Mal war etwas anders, denn das Licht verblasste und an seiner Stelle stand ein grauer Jährling mitten in seinem Schlafsaal. Verwundert starrte er auf das Jungpferd, das etwas ungelenk seinen noch kurzen Schweif hin und her schlug und die Nüstern blähte. Es war silbrig grau, die Mähne noch kurz und steif abstehend, die Beine lang und dünn.
Verwirrt sahen die beiden sich an.
„Das hatte ich mir anders vorgestellt“, sagte das Pferd schließlich trocken. Hatte er es vorher vermutet, war bei dem Klang der Stimme klar wen er vor sich hatte. Plötzlich voller Energie sprang er auf und warf beide Arme um den Hals des Tieres. Die Kopfschmerzen waren wie fortgewischt.
„Etana, seid wann bist du... ein Pferd? Bist du ein echtes Pferd?“
„Ich bin ungefähr so viel Pferd wie der Kerl da drüben ein Mensch.“
Erst jetzt fiel ihm Londo wieder ein. Peinlich berührt ließ er Etana los und drehte sich zu dem Silberdrachen in Menschengestalt um. „Ähm… Etana, das ist mein Lehrmeister Lonthirlondonis. Meister Londo, das ist Etana. Ihr wolltet mit ihr sprechen.“
Der Drache zog die Brauen hoch, wirkte aber diesmal mehr amüsiert als verärgert.
„Ich glaube, dein Eidolon hat nicht bedacht, dass du noch nicht ganz… nun ja, ausgewachsen bist. Zumindest sieht es ziemlich wackelig aus auf den dürren Beinen.“

~*~

„Aber was hat Meister Londo denn mit euch besprechen wollen?“ Rafs Augen schnellten von Raerons grinsendem Gesicht zu dem kleinen Funkenfohlen in seiner Hand und zurück.
„Das bleibt ein Geheimnis, Raf. Glaub mir, es ist nicht halb so spannend wie du es dir vorstellst. Es gibt gewisse Regeln, die in der Feste für Zauberwirker gelten. Ich hatte mich in ebenjener Nacht als Beschwörer entpuppt und musste diese Beschränkungen von nun an einhalten. Außerdem sind wir eine sehr kleine Gruppe, die wenig bekannt ist und es soll auch so bleiben. Deswegen verdecken Etana und ich unsere Zeichen und sie gibt sich häufig als mein Reittier aus wenn wir in fremden Städten unterwegs sind.“
„Aber stört sie das nicht?“
„Doch, aber es macht vieles einfacher. Etana ist sehr, sehr stolz aber sie ist auch klüger als so mancher der mir auf meinen Reisen begegnet ist. Die Leute sehen, was sie sehen wollen. Auch wenn wir sie nicht belügen wollen – solange Etana nicht spricht, sehen die meisten in mir den Boten des Ordens der Iomedae auf seinem außergewöhnlichen Reittier. Die wenigsten denken genug nach um hinter diese einfache Fassade zu blicken.“
Rafael nickte, auch wenn er sich nicht ganz sicher war, ob er wirklich verstanden hatte. In Raerons Händen wuchs das Fohlen rasch heran, wurde zu einem der schweren nordischen Pferde mit ihrer breiten Brust und dichten Langhaar. Tonlos wiehernd stieg es auf die Hinterbeine und verschwand dann in einem kleinen Fähnchen Rauch.
Lachend wischte sich der Halbelf die Hände an seinem Wams sauber, ungeachtet der Rußflecken die er dort hinterließ. „Ich glaube, ich werde jetzt Fjella bei der Wache ablösen. Sie wird morgen einen wichtigen Teil der Feierlichkeiten übernehmen und ich möchte nicht, dass sie das unausgeschlafen tun muss.“
„Aber du hast mir nicht erzählt, wie es weiter geht! Etana sieht doch längst nicht mehr aus wie ein einfaches Pferd…“
Raeron schüttelte den Kopf und fuhr dem Jüngeren mit einer Hand durch die Haare. „Ich glaube, das ist eine Geschichte für einen anderen Abend. Für mehrere, um genau zu sein. Es hat viele Jahre gedauert bis Etana und ich genug Kraft aufbringen könnten um ihre Erscheinung in dieser Welt zu ändern.“
„Wann willst du es mir erzählen?“
„Wenn es passt, Raf. Morgen wird gefeiert und danach werde ich einige Woche unterwegs sein. Aber wir haben Zeit und die Winter sind lang. Ich bin mir sicher, dass wir es schaffen, dir noch ein paar Abenteuergeschichten zu erzählen. Vielleicht kann auch Etana reden, dann habe ich Zeit meine Bücher zu lesen.“
Der Jüngere nickte. Jetzt wo er nicht mehr gebannt zuhörte, merkte er wie müde er geworden war. Gähnend stand er auf und sammelte sein Handarbeitszeug ein, während Raeron seine Bücher zurück ins Regal brachte und begann sich den warmen Wintermantel sowie Schal und Handschuhe anzuziehen.
„Danke, dass du mir das erzählt hast, Raeron.“
„Gern geschehen. Auch wenn ich dich darum bitte, sie nicht weiter zu plaudern. Ich mag meine kleinen Geheimnisse.“
Er nickte wild. Wenn der Ältere ihm vertraute, würde er ihn nicht enttäuschen! Grinsend lief er einige Schritte zur Tür, drehte sich dann aber noch einmal um. Der Halbelf stand vor dem Kamin und schürte das Feuer, im Halbdunkel des Raumes schien der weiße Mantel rötlich zu glimmen.
„Darf ich dich noch etwas fragen?“
„Wenn es eine kurze Frage ist. Du solltest längst im Bett sein.“
„Warum heißt du nicht mehr Fawe?“
Raeron hielt in der Bewegung und schien kurz nachzudenken was er antworten sollte. „Ich bin immer noch Fawe und immer noch Faire und mit der Zeit habe ich die Wahrheit in beiden Namen gefunden. Trotzdem führe ich inzwischen den Namen, den Etana mit gab, denn niemand kennt mich besser als sie.“
„Und was bedeutet er?“
„Herr der Pferde“, antwortete eine Stimme hinter ihm. Sie klang, als würde jemand eine Flöte und eine tiefe Trommel zugleich spielen. Rafael drehte sich erschrocken um, verbeugte sich aber dann höflich vor dem Wesen was neben ihm aufgetaucht war.
Gemächlich schritt Etana an ihm vorbei zurück auf den Gang, ihr Rücken so hoch dass er ihn nur mühsam mit den Fingern hätte berühren können. Silberweißes Fell leuchtete im Halbdunkeln, während Raeron die Türe hinter ihnen schloss und Rafael eine gute Nacht wünschte. Er ging einige Meter den Flur hinunter während die beiden anderen dem offenen Zwischengang zwischen den Türmen zustrebten. Kurz blieb er stehen um zu lauschen, schalt sich aber dann selbst für sein schlechtes Verhalten. Mit einem Gähnen stopfte er das lästige Nähzeug in seine Tasche und tapste den Gang weiter hinunter. Selbst wenn er stehen geblieben wäre, die beiden unterhielten sich selten in Sprachen die er verstand. Als er im Gemeinschaftsschlafsaal des Ostturmes ankam, hielt er kurz inne. So leise er konnte stellte er sich genau in die Mitte des Saales und sah sich um. Natürlich tauchte nirgendwo ein Licht auf und es gab auch keine Spuren von dem, was vor einigen Jahren hier geschehen war. Trotzdem, er kannte nun ein weiteres Geheimnis dieser Feste und das sorgte dafür, dass ihm das Herz wie wild pochte. Und morgen kam auch noch das Fest! Als er mit einem breiten Lächeln im Gesicht einschlief, träumte er von gebratenen Gänsen und süßen Honigkuchen, vielleicht auch von einer Schneeballschlacht. Aber weder von Pferden noch vom Mondlicht. Und im Stillen befand Rafael, dass es nur gut so war.

~*~

Ein Jahr später stand er im blassen Schein der Herbstsonne im Silbernen Hof. In seiner Hand lag zum ersten Mal das Schwert, was von nun an ihm gehören sollte. Rechts neben ihm stand Jarik, ebenfalls ein Schwert in der Hand und strahlte mit seiner weißen Festgewandung um die Wette. In ordentlichen Reihen hatten sich so gut wie alle Mitglieder des Ordens der Iomedae versammelt, zuerst die Ältesten und die Priester, dann die Paladine der obersten Ränge bis ganz am Ende des Kiesweges er mit den anderen Anwärtern stand. Überall glänzte polierter Stahl, hier und dort mischten sich unter das Weiß, Rot und Gold der Iomedae die Farben anderer Orden. Er konnte das kräftige Braun und das Wappen des Cayden Cailean erkennen, weiter vorne wo auch Ingram und Fjella stehen mussten. Dunkelblau und Violett für Desna, das Sonnenzeichen der Sarenrae flammte weiter rechts bei den Heilern im trüben Licht, fast jeder der Götter war vertreten.
Alle Augen aber waren auf den Mann gerichtet, der gleich seine Weihen empfangen würde. In all den Jahren die er Raeron schon kannte, hatte er ihn nie so glücklich gesehen. Und auch noch nie ohne Stirnband. Heute aber schritt er durch die Reihen seiner Brüder und Schwestern, das silberblaue Brandmal auf seiner Stirn für alle zu sehen. Er hatte die abgewetzte Lederrüstung und die zerrissene Kette abgelegt, und sich Blut und Asche von der Haut gewaschen. Ganz in Weiß und Silber kniete er vor Londo nieder, der ihm die gesegneten Waffen übergab und Abzeichen des Ordens auflegte.
Und neben ihm? Neben ihm erschien ein sanftes Licht und wenig später Etana, ihr weißes Fell glänzend wie Seide und den gehörnten Kopf hoch erhoben. War der Halbelf glücklich, so schien sie stolz wie ein Pferd nur stolz sein konnte. Raschelnd rieben die Federn aneinander als sie ihre Schwingen öffnete und wie ein Falke, der seine Beute behütete, um Raeron herum ausbreitete. Um ihn herum wurde es still während der erste Priester zu sprechen begann und er mühte sich, ganz hinten noch ein Wort zu verstehen.
Die Zeremonie zog sich hin und langsam wurden seine Füße kalt, der Arm schwer. Ein paar mal dachte er daran, sich einfach hinzusetzen, aber ein schneller Blick zeigte ihm dass auch die anderen nicht saßen. Solange Jarik noch gerade stand würde er ihm in nichts nachstehen.

Als endlich alle Reden gehalten und alle Segen gesprochen waren, war die Sonne bereits untergegangen und ein heller Mond stand am Himmel. Gemeinsam schritten die beiden Geehrten nun das Spalier ab, Raerons sonst so leichter Schritt schwer durch die wuchtige Zeremonienrüstung und die Vielzahl an Kleiderschichten. Etana neben ihm trug eine ähnlich schwer aussehende Panzerung, aber schien dadurch nicht belastet zu sein. Im Gegenteil, ihre breiten Hufe wühlten den Kies kaum mehr auf als es die Füße der unzähligen Besucher schon getan hatten. Im Mondlicht schienen die beiden nicht ganz von dieser Welt zu sein. Und vielleicht waren sie es heute auch nicht. Morgen würde Raeron wieder in der Bibliothek sitzen, seinen geliebten Tee auf der Lehne balancierend und ein Buch in der freien Hand. Morgen würde Etana wieder durch den Hof poltern und dabei die Stallkatzen erschrecken. Aber heute war ein besonderer Tag und es würde ihn nicht wundern, wenn die beiden nicht ganz in dieser Ebene der Welt weilten.
Während der Zug um eine Mauerecke verschwand und sich die Menge langsam auflöste, legte sich eine schwere Hand auf Rafaels Schulter. Grinsend sah er auf und in Ingrams zerfurchtes Gesicht. Der wilde Bart des Kriegers war durch den stetigen Wind noch zerzauster und im Gegensatz zu Raeron mit seiner Blässe waren Ingrams Nase und Wangen rot vor Kälte.
„Das hat sich der Junge verdient, was?“, polterte er.
„Er und Etana waren sehr tapfer“, pflichtete Rafael bei. Er wusste nie genau, was er dem Bruder aus Sternensteg antworten sollte.
„Das kannst du laut sagen! Ha, davon wird er noch seinen Enkelkindern erzählen! Wer hätte gedacht dass aus unserem kleinen Spitzohr Faire noch was wird!“ Der Nordmann lachte lauthals über seinen eigenen Witz und Rafael schwieg, weil er nicht genau wusste was er sagen sollte. Als sich Ingram wieder beruhigt hatte, hängte sich der Krieger seine breite Axt über die Schulter und legte den Kopf in den Nacken.
„Was glaubst du, Kleiner? Wird es diese Woche noch schneien? Wäre ja zu schön, wenn der Schnee einmal passend zum Fest da wäre!“
„Ich glaube nicht, Meister Ingram. Es scheint mir noch zu warm“, antwortete Rafael und lachte.
Zwischen allen Zeiten,
zwischen Welten schlägt mein Herz -
himmelwärts
(c) Schandmaul, "Anderswelt"

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