Beute

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Beute

Beitrag von Lynx » 18.04.2012 14:02

Hintergrund von Alaine Freeman

Beute

Alaines Atem ging regelmäßig, ihr Herz schlug schnell. Ein leichter Schweißfilm benetzte ihre Haut. Das Laub vom letzten Herbst raschelte unter ihren Füßen. Vereinzelt streiften Farnzweige ihre Beine. Doch all das kümmerte die junge Wandlerin im Moment nur wenig. Ihre Gedanken waren bei Tahon, ihrem Mentor, und bei der Aufgabe, die er ihr erteilt hatte. Sie sollte ihren Geist klären, soweit so gut. Nur warum hatte er darauf bestanden, dass sie dies tat, indem sie in ihrer menschlichen Gestalt durch den Wald rannte. Wenn sie dies wenigstens so tun könnte, wie sie geboren worden war, mit Fell und Pfoten. Der Gedanke war ein nagendes Ärgernis in ihr. Dabei vermochte sie noch nicht einmal zu sagen, was sie nun wirklich ärgerte, die ihr vorgegebene Methode oder einfach die Tatsache, dass sie diese nicht ganz verstand.
Beherzt sprang sie eine Böschung hinunter, um einen der vielen Wanderwege zu kreuzen. Um ein Haar wäre sie dabei in den jungen Mann hinein gerannt, der gerade auf dem Weg unterwegs war. Erst im letzten Moment riss der dunkelblaue Uniformstoff sie aus ihren Gedanken. Erschrocken schlug sie einen Haken und glitt so knapp an der Person vorbei.
„Hey!“,
rief der junge Mann aus.
„Sorry“,
murmelte Alaine und wollte schon weiter laufen, als sie spürte, wie sie am Arm gepackt wurde. Offenbar hatte dieser Mensch gute Reflexe.
„Miss?“,
prüfend sah er Alaine an, die noch etwas verwirrt drein blickte. Erst jetzt wurde ihr gewahr, dass der Mann uniformiert war.
„Ähhh. Sorry… Sir?“,
stammelte sie, als müsse sie erst noch erraten, was in solchen Situationen zu sagen war.
„Das ist kein geeigneter Ort für Crossläufe. Miss…?“,
dieses Mal betonte er die unausgesprochene Frage nach ihrem Namen ein wenig mehr.
„Alaine“,
antwortete sie etwas zögerlich.
„Ihr Nachname“,
klärte er sie auf und konnte sich dabei ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen.
„Verzeihung. Freeman. Alaine Freeman“,
sagte sie hastig. Irgendwie machte die Situation sie nervös. Darauf einem Officer zu begegnen war sie bislang nicht vorbereitet worden. Normalen Menschen konnte man ja recht leicht ausweichen, doch dieser Mann vertrat das Gesetz. Vermutlich war es keine gute Idee, ihn einfach zu ignorieren oder sogar mit einem Spruch vor den Kopf zu stoßen, damit er sie in Ruhe ließ. Oder aber sie irrte sich schlichtweg und bewertete den Berufsstand des Officers einfach nur viel zu stark.
„Nun, Miss Freeman, das hier ist ein Naturschutzgebiet. Sie dürfen hier nicht einfach abseits der Wege umherlaufen“,
sein Tonfall wurde etwas mahnend, blieb dabei aber immer noch freundlich.
„Oh. Ich … ähhh“,
Alaine wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie konnte ihn ja wohl kaum mit der Wahrheit konfrontieren und ihm sagen, dass sie das ständig tat.
„Wenn Sie mir versprechen, von jetzt an auf den Wegen zu bleiben, belasse ich es bei dieser Ermahnung.“
„In Ordnung“,
log sie schnell und hoffte inständig, dabei nicht rot zu werden.
„Ich verlasse mich auf Sie“,
bekräftigte er noch einmal seine Worte, lächelte aber weiterhin. Alaine nickte und bemühte sich, ihm dabei in die Augen zu sehen. Sie waren blau und beinahe so hell wie die ihren. Überhaupt sah er für einen Officer viel zu freundlich aus.
Er ließ ihren Arm los und nickte, als sie noch einmal eine fragende Miene aufsetzte. Rasch wandte sie sich ab und wollte weiter laufen, als er sie noch einmal aufhielt.
„Miss Freeman?“
„Ja?“,
sie drehte sich auf dem Absatz zu ihm herum.
„Der Waldweg führt dort entlang“,
er deutete den Pfad entlang, was nicht die Richtung war, die Alaine jetzt hatte einschlagen wollen.
„Sorry“,
murmelte diese noch einmal und lief dann wirklich auf dem Weg weiter, bevor er es sich mit der Ermahnung noch einmal anders überlegen konnte.


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Re: Beute

Beitrag von Death of Fantasy » 18.04.2012 14:08

*lach*
Das ist so typisch Alaine... *grins*
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Re: Beute

Beitrag von Lynx » 18.04.2012 14:09

Danke. Wäre auch schlimm, wenn nicht.
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Re: Beute

Beitrag von Death of Fantasy » 18.04.2012 14:57

Bitte... ist schön geworden.
Und ja, wäre schlimm, wenn das nicht typisch Alaine wäre... ;)
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Re: Beute

Beitrag von Lynx » 19.04.2012 13:04

Wenig später war Alaine in der kleinen Siedlung, mitten im Reservat angekommen. Sie war außer Atem und durchgeschwitzt, nur ihr Geist, den hatte sie nicht klären können. Irgendwie hatte der Officer es geschafft, sich in ihren Gedanken festzusetzen. Die hellbraunen Haare, seine blauen Augen, er hatte verdammt sympathisch ausgesehen. Doch wenn sie mit Tahons Lektionen weiter machen wollte, dann musste sie ihn aus dem Kopf bekommen. Mit einem kurzen, an sich selbst gerichteten Kopfschütteln beschloss sie zu Aunty Margaret zu gehen, um sich eine Flasche Wasser zu besorgen. Der kleine Laden lag recht zentral in der Siedlung und stach alleine schon dadurch hervor, dass er kein Wohnwagen war. Das machte ihn zu einem der wenigen befestigten Gebäude hier in Redbeech. Denn tatsächlich hauste ein Großteil der Bewohner in ihren mobilen Unterkünften, Sommer wie Winter. Dass rund achtzig Prozent der Leute auch noch unverkennbar indianischer Abstammung waren, hatte Alaine sehr schnell die Bedeutung des Wortes „Klischee“ begreifen lassen.
Tatsächlich wurde Margaret auch von allen „Tante“ genannt. Sie hatte wohl einmal wirklich einen Neffen hier gehabt, doch der war schon vor Jahren in die Stadt gezogen, soweit Alaine wusste. Und da der Laden Aunty Margaret gehörte, hatte er auch prompt diesen Namen bekommen. Die Leute hier machten sich einfach nichts aus großen Titeln. Was zählte war, dass es in dem Geschäft alles gab, was man zum Leben brauchte. Und die Dinge, die darüber hinaus gingen, konnte Margaret in der Regel besorgen.
„Hey Mag!“,
rief Alaine, als sie den Laden betrat. Das Bimmeln der Türglocke begleitete ihre Begrüßung. Natürlich war Mag selbst anwesend. Schließlich war ihre einzige Aushilfe Alaine selbst.
„Hallo Kleines“,
die schon deutlich auf die sechzig zugehende Frau legte ihren Stift auf dem dicken Kassenbuch ab. Schnurstracks ging Alaine auf sie zu, umrundete die Theke und ließ sich erst einmal drücken. Dabei rieb die Wandlerin kurz den Kopf an Margarets Schulter und lächelte seelig.
„Deine Augen sind ja immer noch blau“,
sagte Margaret und entließ Alaine aus der Umarmung. Das sagte sie jedes Mal zu ihr, denn im Gegensatz zu anderen Katzenwelpen hatten die Augen von Alaine nicht im Laufe ihres Wachstums die Farbe gewechselt, sondern waren blau geblieben. Und da die ältere Frau die junge Wandlerin seit dem Welpenalter kannte, war diese Feststellung zu einer vertrauten Floskel geworden.
„Wer weiß, vielleicht bleiben sie ja so“,
lachte Alaine und holte sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank.
„Was führt dich her? Ich dachte du seist momentan von Tahon eingespannt?“,
wollte Margaret wissen. Alaine winkte mit der Wasserflasche.
„Der Durst“,
antwortete sie dabei knapp und trank erst einmal einige Schlucke. Fragend hob die Ladenbesitzerin eine Augenbraue.
„Sicher? Weist du, ich habe deinem Vater quasi dabei geholfen, dir die Windeln zu wechseln. Also erzähl mir nicht, dass da nicht noch mehr sei. Als du reingekommen bist, hast du im ersten Moment ausgesehen, als läge dir etwas auf dem Herzen.“
Was sie sagte stimmte, bis auf die Tatsache, dass Alaine nie Windeln getragen hatte. Ihre Mutter war nur wenige Wochen nach ihrer Geburt Wilderern zum Opfer gefallen. Aber die Gemeinschaft hier hatte Nathan nicht mit seinem kleinen Welpen alleine gelassen. Wie in so vielen anderen Dingen auch, hielten die Menschen hier zusammen. Anfangs hatten sie ihren Schreiner zwar stark dazu drängen müssen, Alaine nicht komplett in der Wildnis groß zu ziehen, doch am Ende hatte sie eine wunderbare, große Familie erhalten, deren Mitglieder sich teilweise rührend um die kleine Katze kümmerten.
„Ganz schön scharfsinnig, für einen normalen Menschen“,
murrte Alaine und trank noch einen Schluck.
„Ich habe dir auch beigebracht, nicht so über Menschen zu sprechen!“,
bemerkte Margaret streng.
„Verzeihung“,
Alaine merkte, dass sie schneller gesprochen als gedacht hatte.
„Aber um auf deine Frage zurück zu kommen, Mag, ich weiß wirklich nicht, was du meinst.“
„Glaub mir, irgendetwas ist im Busch. Ich habe einen Riecher dafür.“
Die ältere Frau blickte drein wie ein Raubvogel.
„Wenn, dann bist du die Erste die es… erfährt…“,
während sie sprach geriet die Wandlerin ins Stocken. Draußen auf der Hauptstraße war gerade ein Streifenwagen vorgefahren und ein junger Officer stieg aus.
„Ja, diesen Blick meinte ich“,
stellte Margaret schmunzelnd fest.
„Was macht der denn hier?“,
dachte Alaine laut, ohne auf die Worte ihrer Ziehmutter einzugehen.
„Der Mounty? Ich weiß es nicht, Kleines. Aber es ist nicht das erste Mal, dass der hier rum fährt.“
„Aber jetzt ist er ausgestiegen und scheint da vorne etwas von den Leuten zu wollen. Und im Wald ist er auch schon herumgestreunt.“
„Neugierig wie eh und je“,
bemerkte Margaret.
„Setz mir die Flasche bitte auf meinen Zettel, ich habe gerade kein Geld dabei“,
murmelte Alaine abwesend. Aufmerksam beobachtete sie, wie der Gesetzeshüter ein Gespräch mit zwei wichtigen Herren aus dem Ort begann. Der Eine von ihnen war Doc Harding, der Andere war Mr. Jackson, einer der Männer hier, die bei jeder Versammlung Gehör und Zustimmung fanden. Im Grunde war er nicht viel anderes, als eine Art Bürgermeister. Die Wandlerin wartete ab, bis die Männer sich gegenseitig genug ablenkten, dann verließ sie eilig den Laden. Raschen Schrittes verschwand sie hinter der Hausecke. Von dort aus schlich sie hinter den wenigen Gebäuden her, bis sie jenes erreichte, vor dem die Männer sich leise unterhielten. Beinahe lautlos drängte sie sich dicht an die Hauswand und begab sich so zur Seite des Gebäudes. Mit spitzen Ohren richtete sie ihren Blick nach vorne und wagte es sogar einmal kurz, zu der kleinen Gruppe hinüber zu spähen.
„Sie verstehen sicher, warum wir diese Maßnahmen ergreifen sollten. Erst vor gut einer halben Stunde habe ich noch eine Joggerin im Wald dabei ertappt, querfeldein abzukürzen.“
Abzukürzen? Alaine fletschte kurz die Zähne.
„Sicher Officer“,
antwortete Jackson ihm,
„Sie haben ohnehin das letzte Wort in dieser Sache.“
„Ich glaube Doktor Harding pflichtet mir bei, wenn ich sage, dass ich nicht sonderlich darauf brenne, irgendwelche unvorsichtigen Leute aus Trittfallen oder Schlingen zu befreien.“
„Natürlich tue ich das. Aber sollten wir nicht vielleicht noch ein klein wenig abwarten? Solche Dinge erledigen sich hier draußen meist von selbst.“
Plötzlich legte sich eine Hand auf Alaines Schulter.
„Man belauscht Andere nicht einfach so“,
raunte ihr eine finstere Stimme ins Ohr. Im ersten Moment fuhr die Wandlerin erschrocken zusammen, fasste sich aber sofort wieder, als sie die Stimme erkannte. Aus großen Augen blickte sie Nathan an.
„Dad! Was tust du hier?“,
zischte sie ihn an. Anstatt zu antworten, legte er nur einen Finger auf die Lippen.
„Ich hoffe, Sie wollen damit nicht andeuten, dass die Leute hier selber tätig werden?“,
fuhr der Officer derweil fort. Doc Harding lachte kurz auf.
„Ganz sicher nicht, Officer Bennet. Wir sind hier keine schießwütigen Wilden. Ich meinte, wir sollten nur ein klein wenig warten, bevor wir den Einwohnern hier Sorgen bereiten. Wissen Sie, wir hatten hier schon einmal Wilderer, vor Ihrer Zeit. Die haben damals recht schnell gemerkt, dass es hier nichts groß zu holen gibt und sind dann auch wieder verschwunden.“
„Wenn Sie darauf bestehen“,
der Mounty klang nicht besonders überzeugt und Alaine musste ihm im Stillen beipflichten. Hier gab es reichlich Wild, dass sich zu jagen lohnte.
„Ich gebe der Sache achtundvierzig Stunden. Danach sehe ich mich aber in der Pflicht, die Bevölkerung zu unterrichten“,
beschloss er.
„Das klingt vernünftig, Officer“,
nickte Jackson und auch der Doc stimmte dem schweigend zu.
„Gut, dann sprechen wir uns in zwei Tagen noch einmal, hoffentlich mit guten Neuigkeiten. Mr. Jackson, Doktor Harding“,
Officer Bennet reichte den beiden die Hand zum Abschied und kehrte dann zu seinem Streifenwagen zurück.
„Komm“,
sagte Nathan leise und legte seiner Tochter erneut die Hand auf die Schulter,
„Wir haben genug gehört.“


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Re: Beute

Beitrag von Death of Fantasy » 19.04.2012 14:20

Hui, das klingt ja äußerst interessant. Ich bin mal gespannt, was da später herauskommt. ;)
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Re: Beute

Beitrag von Lynx » 20.04.2012 08:13

„Wenn es nicht unsere Aufgabe ist, wessen dann?“,
protestierte Alaine lautstark und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Du hast mich falsch verstanden. Es ist nicht deine Aufgabe!“,
erwiderte Nathan beinahe ebenso laut.
„Warum nicht? Ich bin doch schließlich wie du!“
„Trotzdem bleibst du hier, zu Hause.“
Wütend funkelte die junge Katze ihren Vater an.
„Es ist zu gefährlich“,
festigte dieser noch einmal seinen Standpunkt.
„Ich bin aber kein Kind mehr!“
Sekunden des Schweigens traten ein, dann fuhr Alaine fort, immer noch wütend aber zumindest ein Bisschen ruhiger.
„Es ist wegen meiner Mom, richtig?“
„Ich habe nein gesagt und es bleibt dabei.“
„Das ist nicht fair, Nate.“
„Vorsicht Fräulein. Für dich heißt es immer noch Dad.“
„Nur weil sie…“,
Alaine wurde vom Läuten des Telefons unterbrochen. Schnaubend sah sie zu, wie ihr Vater in den Flur ging und abhob. Das kurze Gespräch musste sie nicht belauschen. Sie konnte sich schon denken, worum es ging. Als Nathan wenig später zu ihr zurück kehrte, hatte sich seine Laune nicht wesentlich gebessert. Wenigstens schrie er nicht mehr.
„Das war Henry Jackson. Er wollte mich über den Wilderer informieren.“
„Wovon du aber schon wusstet, sehr zu seinem Erstaunen, bla bla bla…“
„Alaine“,
es kostete den Wandler sichtbar Mühe nicht wieder laut zu werden,
„Wenn ich da draußen auch nur einen frischen Pfotenabdruck finde, wirst du dir den Wald bestenfalls noch in Büchern ansehen. Hast du mich verstanden?“
Er zog bereits die Schuhe aus und begann sich zu verwandeln.
„Es war ja nicht zu überhören … Nate“,
antwortete die junge Wandlerin patzig. Ihr Vater knurrte noch einmal ungehalten, dann verließ er federnden Schrittes das Haus.


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Re: Beute

Beitrag von Lynx » 22.05.2012 09:05

Ungeduldig blies Alaine sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie lag auf der Couch, die Füße oben auf die Rückenlehne gelegt, und wartete darauf, dass Nathan außer Reichweite war. Zwar glaubte sie nicht, dass er länger ein Auge auf das Haus werfen würde aber es schadete nichts, auf Nummer Sicher zu gehen. Schließlich stand sie auf und schlüpfte in ihre Schuhe. Einen „Pfotenabdruck“ würde ihr Vater gewiss nicht zu sehen bekommen. Kurz band sie sich die Haare zum Pferdeschwanz zusammen und dachte darüber nach, wo sie am Besten anfangen könnte. Es wäre besser Nathan nicht über den Weg zu laufen. Und auch dem Mounty sollte sie lieber nicht noch einmal abseits der Wege begegnen. Die Sache würde dadurch nicht einfacher werden aber gerade das machte es auch nicht weniger spannend, sich aus dem Haus zu schleichen. Kurz lachte sie in sich hinein. Der Wilderer würde ganz schön ins Schwitzen geraten, wenn gleich drei Personen unabhängig von einander Jagd auf ihn machten. Mit diesem Gedanken im Kopf verließ sie das Haus.
Es wäre sicher das Naheliegendste gewesen, den Fluss anzusteuern. Dort trafen Jäger und Beute sich regelmäßig. Allerdings war es auch sehr wahrscheinlich, dass Nathan dort versuchen würde, die Spur aufzunehmen. Daher beschloss Alaine tief in den Wald hinein zu gehen. Irgendwo musste dieser Wilderer die Nacht verbringen und das tat er ganz sicher nicht dort, wo andere ihm auf die Schliche kommen könnten. Die junge Wandlerin war schon oft genug durch die Wälder gestreift, teilweise auch tagelang, um alle kleinen Hütten und Straßen in der Gegend zu kennen. Ihre Beute brauchte beides davon, denn campen war hier nicht erlaubt und würde den Einheimischen schnell ins Auge fallen.
Alaine bewegte sich zunächst leise und vorsichtig. Nicht, dass Nathan doch noch in der Nähe war und sie bemerkte. Dann schlug sie ein etwas zügigeres Tempo an, bevor sich ihre Witterung allzu stark im Wind festsetzen konnte. Lange Zeit lief sie einfach nur geradeaus, bis sie schließlich an ein paar größere Felsen gelangte. Dort orientierte sie sich kurz, bevor sie einen steilen, kleinen Anstieg erklomm. Das Gelände wurde deutlich unwegsamer und gemahnte sie zur Vorsicht. Es wäre ziemlich dumm, auf der Jagd nach dem Wilderer in einer von dessen Trittfallen zu enden. Oben auf der Anhöhe angekommen, hielt die Wandlerin kurz inne. Ihr Atem ging schnell und ihr Herz pochte lautstark. Vor ihr riss das dichte Blätterdach des Waldes auf und ein strahlend blauer Himmel trat an seine Stelle. Dichtes Gras und vereinzelte Büsche bewuchsen die Lichtung. Ein paar Insekten schwirrten über dem Grün umher. Alaine wackelte mit der Nase. Nur zu gerne wäre sie jetzt aus ihren Klamotten gesprungen, um sich zu verwandeln und über die Wiese zu tollen. Wäre die Lage nicht so ernst gewesen, hätte sie ihrer Sprunghaftigkeit nachgegeben. So aber sog sie nur einmal tief die Luft ein. Die Gerüche ihrer Heimat waren ebenso atemberaubend, wie die Landschaft selbst. Regungslos verharrte sie für einige Sekunden und ließ die Umgebung auf sich einwirken. Dann erinnerte sie sich wieder an den Grund ihres Herkommens und setzte ihren Weg fort. Sie umrundete die große Lichtung, anstatt mittig darüber zu laufen. Je länger sie in Deckung blieb, desto besser. Nicht weit hinter der Wiese gab es ein paar alte und schon seit Jahren brachliegende Hütten. Ursprünglich hatte dort wohl jemand eine kleine Feriensiedlung errichten wollen, war dann aber doch an Finanzen und Umweltauflagen gescheitert. Man hatte beschlossen, nur eventuelle Gefahrengüter aus den kleinen Holzhäuschen zu entfernen und den Wald nicht durch den Abriss der Gebäude erneut zu schädigen.
Vorsichtig spähend näherte Alaine sich den Häusern, die etwas verstreut im Wald standen. Ihre Nackenhaare stellten sich auf. Angespannt sog sie die Luft gleichzeitig durch Mund und Nase ein. Was sie roch und auch sah, entlockte ihr ein grimmiges Lächeln. Hier musste sich vor kurzem ein Mensch aufgehalten haben. Sein Geruch hing zäh zwischen den Hütten und hinter einem Gebäude schaute das Heck eines geländegängigen Wagens hervor. Begleitet wurden diese Eindrücke von etwas Dunklem und leider auch Unverkennbarem: dem Geruch des Todes. Ganz in der Nähe hatten sich tote Tiere befunden, daran ließen die scharfen Sinne der Wandlerin keinen Zweifel. Sie hatte also gefunden, wonach sie gesucht hatte. Doch was nun? Schlagartig wurde Alaine bewusst, dass sie ihren Plan gar nicht zu Ende gedacht hatte. Sollte sie versuchen den Wilderer alleine zu stellen? Oder wäre es besser Nate oder den Mounty auf dessen Spur zu bringen? Wenn ja, wie? Und vor allem wen von beiden? Ein flaues Gefühl stieg in Alaine hoch, als sie sich mit dem Rücken an einen der Bäume lehnte und nachdachte.


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Re: Beute

Beitrag von Lynx » 28.01.2016 20:49

Fragt mich nicht was mich heute geritten hat aber ich musste die verloren gegangene Fortsetzung heute einfach neu "zu Papier" bringen.

Angespannt biss Alaine sich auf die Unterlippe und zog die Nase kraus. Ganz gleich ob sie den Menschen selbst stellen, oder dafür sorgen wollte, dass die Anderen auf ihn aufmerksam wurden, es wäre von Vorteil, ihn vorher ein wenig matt zu setzen. Ein wagemutiger Gedanke reifte in der jungen Wandlerin heran. Kurz horchte sie mit angehaltenem Atem, ob sich etwas in ihrer Umgebung regte. Als sie nichts Beunruhigendes vernahm, rannte sie los. In geduckter Haltung eilte sie zum Geländewagen des Wilderers und ging dahinter in Deckung. Wieder hielt sie kurz inne, dann begann sie sich zu wandeln. Es bedurfte keiner großen Veränderung, sie wollte schließlich nicht zur Raubkatze werden. Auch ihre Kriegsgestalt wäre zu viel des Guten gewesen. Also veränderte sie sich nur ein wenig. Ihre Züge wurden katzenhafter und aus ihren Fingern wurde etwas, dass an Klauen erinnerte. Ihre Größe veränderte sich glücklicherweise nicht dabei. Es wäre nicht einfach geworden, Nathan die zerrissenen Kleidungsstücke zu erklären, wo sie doch im Moment Stubenarrest hatte. Prüfend warf die Wandlerin einen Blick auf ihre krallenbewährten Finger. Das würde jetzt vielleicht weh tun aber es war den Versuch auch wert. Kurzerhand holte sie mit ihrer Rechten aus und schlug die Klauen in den Autorreifen. Wie erwartet tat es weh, doch ihr Vorhaben fruchtete auch. Der Reifen gab unter dem Hieb nach und begann auch sofort an Luft zu verlieren, kaum dass Alaine ihre Klaue zurück gezogen hatte. Rasch wandte sie sich dem zweiten Reifen zu. Bevor sie jedoch auch diesem die Luft ablassen konnte, hörte sie wie eine nahe Haustüre sich öffnete. Schritte erklangen und auch das unheilvolle Klicken eines geladenen Gewehrs.
"Wer ist da?", rief der Mensch grob. Der Geruch des Todes umwölkte ihn und breitete sich vor der Hütte aus. Erschrocken hielt Alaine den Atem an.
"Komm raus, sonst knall ich dich ab!", fuhr der Mann fort. Das war doch völliger Blödsinn! Wie sollte er jemanden erschießen von dem er... Alaines Gedanken wurden von Schritten unterbrochen. Verdammt, der Typ kam genau auf den Wagen zu. Es fehlte nicht viel, dann würde er den zischenden Reifen hören können. Was sollte sie jetzt tun? Ein leichter Anflug von Panik kam in ihr auf. Sollte sie wieder menschlich werden? Es war vielleicht besser. Andererseits würde sie dann wirklich völlig wehrlos dar stehen. Die Schritte wurden schneller. Alaine versuchte ihre Angst unter Kontrolle zu bringen und sich zu konzentrieren, um ihre menschliche Gestalt anzunehmen. Der Wilderer umrundete den Wagen und richtete sofort den Lauf seiner Waffe auf sie. Die Wandlerin fuhr erschrocken zusammen.
„Aufstehen!“, knurrte der Mann sie an. Er sah ungepflegt aus und klang so, als würde er definitiv nicht lange fackeln sie zu erschießen. An einem seiner Ärmel prangten getrocknete Blutflecken. Ängstlich stand Alaine auf.
„Was treibst du hier?“, fragte der Mensch barsch. Die Antwort blieb sie ihm schuldig. Das Gewehr war viel zu einschüchternd, als dass sie auch nur einen Ton hervorbringen konnte.
„Scheiße man, hast du mir einen Reifen aufgeschlitzt?“, er ging kurz in die Knie und richtete die Aufmerksamkeit auf den kaputten Autoreifen. Diesen Moment nutzte Alaine zur Flucht. Panisch rannte sie davon. Die Angst trieb sie wie ein Beutetier vor sich her. Hinter ihr brüllte der Wilderer etwas, doch sie war zu sehr vom Schrecken gepackt, um seine Worte zu verstehen.
Ein Krachen zerriss die Luft. Glühend heiß fuhr ein ungekannter Schmerz in Alaines Seite. Gleichzeitig merkte sie, wie sie stolperte. Sie jaulte vor Schmerzen auf. Tränen trübten ihre Sicht und machten es ihr unmöglich, das Gleichgewicht zu halten. Die junge Wandlerin stürzte und rollte unbeholfen durch das Unterholz. Unerträgliche Schmerzen tobten in ihr. Ihre Instinkte übernahmen die Kontrolle und verhinderten, dass sie laut schrie. Leise Wimmernd stellte sie fest, wie ihr Körper sich schlagartig wandelte. Ohne ihren bewussten Willen nahm er seine erste, die ursprüngliche Gestalt an. Dabei war ihr Schock so groß, dass sie nicht einmal die anderen Formen durchlief. Alaine versuchte instinktiv sich aus ihrer Kleidung zu befreien. Irgendwie gelang es ihr auch. Sie lief weiter, nun aber auf vier Pfoten. An ihrer Seite klaffte eine blutende Wunde. Irgendwo hinter ihr krachte ein weiterer Schuss. Doch sie lief einfach nur, suchte nach Deckung und versuchte so viel Distanz wie möglich zwischen sich und den Wilderer zu bringen. Ihre Sinne waren getrübt und die Panik machte es ihr schwer, sich zu orientieren. Irgendwann wurde es still um sie herum. Alaine lief noch eine Weile, dann kauerte sie sich erschöpft hinter einem alten Baum zusammen. Sie fühlte sich plötzlich unendlich müde. Leise brummend hob sie noch einmal den Kopf, dann umfing die Dunkelheit sie.

tbc und so...
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Re: Beute

Beitrag von Death of Fantasy » 29.01.2016 10:12

Ui, das war eine sehr, sehr schöne Geschichte, wenn auch für Alaine nicht ganz so angenehm, kann ich mir vorstellen! Ich bin gespannt, wie es weitergeht!
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Re: Beute

Beitrag von Lynx » 30.01.2016 15:27

Dankeschön. Da muss ich doch mal gleich den nächsten Abschnitt nachschieben. Sorry, dass es wieder etwas kurz ist aber der Cliffhanger ist für mich einfach unwiederstehlich. ^^'

Eine Stimme drang an ihr Ohr. Alaine brauchte jedoch einen Augenblick, um sich der Worte gewahr zu werden. Müde blinzelte sie. Die Erschöpfung war noch zu groß, als dass sie dazu in der Lage wäre, zu reagieren. Zumindest klangen die Worte freundlich.
"Du wirst mir nichts tun, oder?"
Warum sollte sie jemandem etwas tun? Und was genau war eigentlich passiert? Ein dichter Schleier lag auf ihren Erinnerungen. Sie erinnerte sich nur an Bruchstücke, an den Wald, die Schüsse.
"Ich werde dich jetzt hoch heben und du wirst mir dafür nicht den Arm abreißen, ok?"
Natürlich würde sie das nicht! Idiot! Wie kam der Sprecher denn auf so was?
Vorsichtig hob man sie hoch. Ein Stück weit wurde sie getragen, bevor man sie auf einen harten Untergrund legte.
"Bleib einfach liegen."
Spielte der Fremde jetzt Captain Obvious? Natürlich würde sie liegen bleiben. Momentan war sie ja kaum dazu in der Lage auch nur den Kopf vernünftig zu heben.
Laute, schlagende Geräusche erklangen. Autotüren, wie sie einige Sekunden später feststellte. Der Motor startete und ließ ihre Liegefläche leicht vibrieren. Dann setzte sich der Wagen in Bewegung. Alaine blendete die Geräusche der Fahrt aus und zog sich wieder in die Dunkelheit zurück. Dösend ließ sie die Fahrt über sich ergehen.

Wieder wurde sie von Stimmen geweckt. Es war die gleiche Person wie auch zuvor. Doch dieses Mal war sie weiter entfernt und dumpfer. Dennoch erlaubte ihr scharfes Gehör der Wandlerin zu lauschen.
"Ich weiß, dass Sie kein Tierarzt sind. ... Was hätte ich denn machen sollen? Hören Sie, einen angeschossenen Rotluchs in den Ort zu bringen scheint mir doch etwas riskant. Was ist wenn das Tier es sich überlegt und noch jemanden anfällt? Es reicht wenn wir beide das Risiko zu tragen haben. ... Tut mir leid aber das sehe ich nicht so, nur weil diese Leute hier leben. ... Also gut. Aber Sie tragen die Verantwortung dafür, wenn das Tier jemanden verletzt. ... Gut, ich bin in zehn Minuten bei Ihnen."
Alaine hob etwas argwöhnisch den Kopf. Die Müdigkeit verflog langsam und mit ihr auch der Schleier, der auf ihren Erinnerungen lag. Der Wilderer fiel ihr wieder ein, auch wenn sie sich an diesen lieber nicht so schnell erinnert hätte. Sie war alleine in einem Zimmer. Unter ihren Pfoten spürte sie eine grobe Decke und ein Handtuch deckte ihre Seite ab. Alles roch nach Blut und Menschen. Alaines Blick glitt eilig durch den Raum. Sie selbst lag auf dem Boden. Hinter ihr stand ein Bett. Die Türe war geschlossen aber dahinter bewegte sich eindeutig jemand durch den Raum. Kurz lauschte sie, ob der Mensch herein kommen wollte. Seine Schritte schienen sich eher zu entfernen und schließlich hörte sie eine Tür ins Schloss fallen. Etwas unsicher stand sie auf. Ihre rechte Seite schmerzte höllisch. Alaine riskierte einen vorsichtigen Blick. Es war vorwiegend blutgetränktes Fell zu sehen. Der Mensch hatte wohl wirklich nur das Blut mit dem Handtuch aufgefangen. Die Kugel des Wilderers steckte wahrscheinlich noch in ihr. Als Wandlerin heilten Alaines Wunden schnell. Besonders in ihrer natürlichen Gestalt waren solche Verletzungen nur von kurzer Dauer. Daher wäre es klug, das Geschoss so schnell wie möglich los zu werden, bevor es einwuchs und ihr dadurch dann noch weitere Schmerzen und Verletzungen bereitete. Der Mensch wollte sie zu irgend einem Arzt bringen. Doc Harding war zwar der Einzige den Sie kannte aber sie sollte sich besser nicht darauf verlassen, dass er sie auch zu ihm brachte. Bei jedem Anderen wäre es zu riskant, das harmlose Tier zu mimen. Hinterher steckte man sie noch in einen Zoo oder so etwas. Noch einmal lauschte Alaine, um sicher zu sein, dass der Mensch nicht im Nebenzimmer war. Dann ging sie zur Türe, stellte sich auf die Hinterbeine und drückte mit den Pfoten die Klinke herunter. Das Schloss klickte, sprang jedoch nicht auf. Verschlossen, wie ärgerlich! Alaine zog die Nase aus und suchte nach einem anderen Fluchtweg. Mit dem Fenster würde sie vielleicht mehr Glück haben. Trotz der Schmerzen begab sie sich dorthin und reckte erneut. Der Fenstergriff war deutlich höher gelegen als die Türklinke und ließ sich auch nicht so einfach drehen. Immer wieder rutschte sie mit den Pfoten ab. Innerlich fluchend sank sie wieder auf alle Viere. Andere Ausgänge hatte der Raum nicht. Alaine erkannte schnell was sie tun musste, um zu entkommen. Der Gedanke schmeckte ihr jedoch gar nicht. Es half jedoch nichts, sie musste es tun. Kurz holte sie Luft und sammelte sich, dann begann sie sich zu verwandeln.
Der Schmerz explodierte erneut in ihrer Seite. Die Kugel riss neue Wunden in den sich wandelnden Körper. Alaine keuchte und biss in das Handtuch, um nicht zu schreien. Beinahe hätte sie mit den Pfoten auf den Boden geschlagen. Sie krümmte sich und blieb auch nach der Verwandlung noch einige Sekunden lang zusammen gekauert und schwer atmend am Boden liegen. Frisches Blut rann aus ihrer Seite und tropfte auf die Wolldecke.
Als sich ihr Atem wieder etwas beruhigt hatte, stand sie langsam auf und schlich erneut zum Fenster. Erst musste sie hier raus. Danach konnte sie immer noch zusehen, wie sie die Kugel los wurde. Mit Händen statt Pfoten war es auch kein Problem mehr das Fenster zu öffnen. Sie drehte den Griff, als ihre inneren Alarmsirenen plötzlich zu schrillen begannen. Hinter ihr klickte das Türschloss.
"Oh-ver-dammt", murmelte Alaine als die Türe aufschwang.

Fortsetzung hoffentlich bald...
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Re: Beute

Beitrag von Death of Fantasy » 30.01.2016 18:15

Ui, das ist ein schöner Cliffhanger! Ich hoffe wirklich sehr, dass du bald Zeit hast! Insgesamt hat es mich gefreut mehr zu lesen und es war auch wirklich schön!

"Dösend ließ sie die Fahr über sich ergehen." Ein kleiner Tippfehler... *pfeif*
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Re: Beute

Beitrag von Lynx » 30.01.2016 19:12

Death of Fantasy hat geschrieben: "Dösend ließ sie die Fahr über sich ergehen." Ein kleiner Tippfehler... *pfeif*
Tausche Hirn gegen Computer! ^^

Ohne jetzt etwas versprechen zu wollen aber zumindest zum Schreiben habe ich dieses Wochenende noch was Zeit eingeplant. Kann eh nicht viel machen, weil ich zu Bett- und Couchruhe verdonnert worden bin. Nix Dolles, nur ein grippaler Infekt aber eben fies genug um nicht weiter am Hamstergehege zu bauen oder Action geplant zu haben.
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Re: Beute

Beitrag von Death of Fantasy » 30.01.2016 22:02

Yay! Jetzt nicht auf die Erkältung bezogen! Gute Besserung dir, auch wenn es nicht schlimm ist, nervt sowas meist ungemein!
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Re: Beute

Beitrag von Lynx » 01.02.2016 13:05

Der Mann der sie hergebracht hatte, blieb in der Tür stehen. Ungläubig starrte er Alaine an.
„Was?“, sagte er nach einigen Sekunden der Stille. Mehr brachte er nicht hervor. Auch hielt er die Türklinke weiter in der Hand. Man sah ihm an, wie er versuchte die Situation zu verstehen. Schließlich stand anstatt eines Tieres nun eine verletzte und noch dazu nackte Frau in seinem Schlafzimmer. Alaine erkannte den Officer vom Morgen, doch das war in diesem Moment nebensächlich. Sein Blick glitt kurz zwischen der Wolldecke und Alaine hin und her.
„Was … sind Sie?“, brachte er schließlich doch hervor. Ihm war anzuhören, dass er an seinen eigenen Gedankenschluss zweifelte und nicht glauben wollte, dass Alaine und die Katze dasselbe Wesen waren. Die Wandlerin versuchte sich an einer beschwichtigenden Geste.
„Ich werde Ihnen nichts tun“, sagte sie betont langsam.
„Sie…“, der Mensch rang unverändert mit seinem Verstand.
„Bitte…“, versuchte Alaine es leicht flehend. Das Blut rann ihr immer noch die Seite hinab und gemahnte sie zur Eile, „Ich werde es Ihnen erklären aber erst brauche ich Hilfe.“
Eigentlich konnte sie momentan nicht mal einen Gedanken daran verschwenden, einen unwissenden Menschen in ihre Geheimnisse einzuweihen. Einmal ganz davon abgesehen, dass sie dies im Grunde auch gar nicht durfte. Der Officer war ein Fremder und sie konnte sich nicht sicher sein, dass er Stillschweigen bewahrte, so wie die Leute in Redbeech es taten. Doch er hatte sie bereits gesehen und auch wenn er es noch nicht verstand, wusste er nun Bescheid.
„Bitte“, wiederholte Alaine noch einmal. Sie konnte nicht sagen, ob es nur die Aufregung war oder ob sie den Blutverlust zu spüren begann. Ihre Hände waren leicht zittrig und sie fühlte sich etwas wackelig auf den Beinen.
Der Mensch nickte geistesabwesend. Vorsichtig und vor allem langsam machte Alaine einen Schritt auf ihn zu.
„Haben Sie eben mit Doc Harding gesprochen?“
Er nickte stumm.
„Dann bringen Sie mich zu ihm. Er weiß Bescheid“, Alaine gab sich Mühe so sanft wie möglich zu sprechen. Wieder nickte der Mensch.
„Die Decke?“, fragte er als Alaine schon fast bei ihm war. Doch die Wandlerin schüttelte den Kopf. Sie wusste, eine weitere Verwandlung würde ihr noch mehr Schmerzen und Verletzungen bereiten. In ihrer Geburtsgestalt heilte sie aber auch schneller und der Doktor würde es einfacher haben, sie zu versorgen. Er war zwar wirklich kein Tierarzt, doch verletzte Luchse hatte er schon mehrmals behandeln müssen. Außerdem würde ihre beschleunigte Heilung die Blutung schneller zum Stoppen bringen.
„Hinsehen. Nicht wegschauen“, bläute Alaine dem Officer ein. Ihre Wandlung zu sehen würde ihm vielleicht aus seiner Starre heraus helfen. Weiter verstören konnte sie ihn wohl kaum. Sie wappnete sich kurz, dann leitete sie die Verwandlung ein. Die Schmerzen schossen durch ihren Körper, noch schlimmer als zuvor. Dieses Mal erlaubte Alaine sich zu schreien. Vielleicht hätte sie dem Mann noch sagen sollen, dass er nicht eingreifen musste. Doch er trat nur einen hastigen Schritt nach vorne und starrte sie dann hilflos an, während sich ihr Körper krümmte und verformte. Vor seinen Augen wurde sie wieder zum Luchs. Als die Verwandlung abgeschlossen war, fühlte Alaine sich, als breche sie jeden Moment zusammen. Mit bebendem Atem und rasendem Herzen stand sie vor dem Officer und blickte ihn fest an.
„Blaue Augen“, murmelte dieser. Er schien immer noch neben sich zu stehen. Wenigstens war er nicht mehr zu einer Salzsäule erstarrt. Dann fasste er sich aber doch noch ein wenig.
„Soll ich dich tragen?“, fragte er. Alaine antwortete mit einem Schnauben und schritt zwar langsam aber mit hoch erhobenem Kopf an ihm vorbei. Bis zum Wagen würde sie es ja wohl noch schaffen. Der Officer nahm die Wolldecke an sich und folgte ihr hastig. Er öffnete ihr die Tür und auch die Heckklappe des Geländewagens. Auf der Ladefläche des Wagens breitete er die Wolldecke für sie aus. Alaine sprang hinauf und legte sich dann dankbar hin. Glücklicherweise musste sie vor dem Menschen nicht zugeben, wie mitgenommen sie eigentlich schon war. Es tat gut, den Kopf auf die Pfoten zu betten und die kurze Strecke bis nach Redbeech dösen zu können. Der Mensch stieg währenddessen vorne in den Wagen und nur einen Augenblick später fuhren sie schon los.

Sie erreichten Doc Hardings Haus schneller als Alaine erwartet hatte. Doch vielleicht spielte ihr Zeitgefühl ihr auch nur einen Streich. Müde registrierte sie, wie sie anhielten und der Officer die Heckklappe öffnete. Sie rappelte sich auf und marschierte schnurstracks durch die Türe, die ihr geöffnet wurde. Der Officer schaute recht ungläubig drein, das registrierte sie belustigt aus dem Augenwinkel. Verdattert folgte er ihr, während Doc Harding sie nickend begrüßte.
„Sie wissen Bescheid?“, fragte der Officer etwas zögerlich. Doc Harding grinste schweigend. Er war noch nie ein Mann großer Worte gewesen. Das habe ich dir doch schon gesagt, dachte Alaine augenrollend. Sie ging direkt ins Behandlungszimmer durch und sprang mit letzter Kraft auf die dort stehende Liege.
„Sie müssen nicht hier bleiben“, richtete Doc Harding das Wort an den Officer.
„Es macht mir nichts aus zu warten“, entgegnete dieser. Anscheinend fand er immer mehr zu sich selbst zurück. Sekundenlang schwiegen die beiden Männer sich an. Auch wenn Alaine sie nicht sah, konnte sie deren eindringliche Blicke förmlich spüren.
„Ich bestehe darauf“, beendete der Officer schließlich ihr stummes Gefecht. Seufzend gab der Arzt klein bei. Er kam zu Alaine ins Behandlungszimmer und schaute sie etwas tadelnd an. Da sie seinen Blick aber ignorierte, suchte er einige Instrumente zusammen.
„Du weißt, ich werde das deinem Vater erzählen müssen“, sagte er leise und zog eine Spritze auf. Alaine brummte missmutig.
„Das ist ein leichtes Betäubungsmittel. … Vielleicht willst du ihn ja schon mal vorwarnen. Er wird sicherlich nicht begeistert sein, dass du unseren neuen District Officer eingeweiht hast. Aber es könnte besser sein, wenn du es ihm sagst, anstatt dass er es von mir erfährt. … Halt jetzt still. Ich muss dich nicht fragen, wo du eine Schusswunde her hast. Auch wenn ich nicht davon ausgegangen wäre, dass Nathan dich mit auf die Jagd nach dem Wilderer nimmt. … Steckt die Kugel noch?“, so wie er die Kommentare zu ihrer Behandlung mit den anderen Dingen vermischte, machte er es Alaine nahezu unmöglich ihm knurrend und brummend zu widersprechen. Ihr blieb nichts, als auf seine letzte Frage zu nicken. Ihr Arzt wartete eine Weile, bis das Betäubungsmittel zu wirken begann. Während dieser Zeit beschränkte er sich darauf, sie erst anzublicken.
„Nathan weiß nicht, dass du auch auf die Jagd gegangen bist, nicht wahr?“ Etwas schuldbewusst nickte Alaine. Verdammt, der Doc kannte sie leider viel zu gut.
„Auch das solltest du ihm beichten, bevor ich mit ihm spreche. … So, dann wollen wir mal sehen, wo das Projektil steckt. Das ist es ja.“ Vorsichtig packte er die Gewehrkugel mit einer Pinzette und zog sie heraus. Anschließend versorgte er Alaines Wunde noch.
„Wir sollten gleich mit Officer Bennet reden. Er sitzt nebenan und sieht immer noch so aus, als habe er einen Geist gesehen.“ Wieder konnte Alaine das nur abnicken. Sie wartete ab, bis der Doc sein Werk vollendet hatte. Ein wenig benommen und mittlerweile deutlich erschöpft trottete sie ihm hinterher, als er zu dem anderen Menschen zurück kehrte. Der Officer schaute skeptisch auf. Er saß auf einer von Doc Hardings Couches. Mittlerweile wirkte er nicht mehr ganz so neben sich und seine Verwirrung war sicherlich einer Fülle von Fragen gewichen. Während Alaine es sich auf der anderen Couch bequem machte, ging Doc Harding an die Bar und holte zwei Gläser und eine Flasche Bourbon. Er schenkte ein und reichte dem Officer eines der Gläser.
„Das können Sie vielleicht gebrauchen“, sagte er knapp.
„Danke. Ist aber nur ein Gerücht, das so was hilft“, Officer Bennet nahm das Glas zwar entgegen, stellte es aber ohne zu trinken auf den Couchtisch.
"Sie sehen aus, als hätten sie ein paar Fragen", begann Doc Harding das eigentliche Gespräch.
"Ein paar?", Officer Bennet kam nicht umhin kurz und trocken zu lachen. Der Doktor nahm dies mit einem Schmunzeln zur Kenntnis und fuhr dann fort,
"Alaine wird Ihnen darauf besser antworten können, sobald sie wieder menschlich geworden ist. Sie hat mir zugesagt, dass sie sich um Sie kümmern wird und ihnen so viel wie ihr erlaubt ist erzählt, sobald sie sich wieder gewandelt hat."
Was sagte der Doc denn da? Ärgerlich legte Alaine die Ohren an und warf ihrem Arzt einen giftigen Blick zu. Sie würde ganz sicher nicht den Babysitter für diesen Menschen spielen, davon ihn aufzuklären einmal ganz zu schweigen. Widersprechen konnte sie jedoch nicht, dafür hätte sie wieder zum Menschen werden müssen. Genau das würde sie aber erst wieder tun, wenn ihre Wunde größtenteils verheilt war und sie sich ausgeschlafen hatte. Sie verfügte vielleicht über Macht, doch ihre Reserven waren nicht unendlich.
Die Mimik des Luchses entging dem Officer nicht, doch er runzelte nur kurz die Stirn und hörte Doc Harding gespannt zu.
"Die Ureinwohner kennen Geschichten über Tiergeister, die über das Land wachen. In manchen davon wird erzählt, wie diese Geister auch Menschen beseelen, um in Zeiten der Not die Heimat zu verteidigen. Diese Wesen sind Wanderer zwischen der Welt der Geister und unserer Welt. Die Algonkin begegneten diesen Wesen mit Ehrfurcht und Respekt. Für sie sind diese Wesen so etwas wie die Vollstrecker Manitus, die seinen Willen in unserer Welt erfüllen sollen. Dabei spielt es im Glauben der Algonkin keine Rolle, ob dieser Wille ihnen schadet oder nicht. Manitu ist weder gut noch böse und seine Wege bleiben oftmals unerkannt."
"Sie wollen also sagen, dass Alaine so eine Beseelte ist?", hakte Officer Bennet nach.
"Wie viel Sie von den alten Legenden für sich annehmen wollen, bleibt Ihnen überlassen. Letztendlich können nur Alaine oder ihr Vater Ihnen die Wahrheit darüber erzählen", Doc Harding grinste bei seinem letzten Satz. Auch wenn er es nicht aussprach, lag ein "Viel Glück dabei ihr die Wahrheit zu entlocken." im Raum.
"Ihr Vater ist also auch so ein Beseelter?"
"Wandler, wir sind Gestaltwandler", korrigierte Alaine ihn in Gedanken, "Und eine Seele haben wir sogar alle hier im Raum."
"Ja. Er beschützt Redbeech schon seit vielen Jahren. Und seine Tochter wird dies vielleicht auch einmal tun."
Nun knurrte Alaine ärgerlich. Hatte der Doc sie gerade indirekt als Wächter-Azubi bezeichnet?
"Wer weiß denn hier noch davon?", Officer Bennet wurde deutlich neugieriger. Anstatt zu antworten, schenkte der Doc ihm nur ein vielsagendes Lächeln.
"Und das hat nicht zufällig etwas damit zu tun, dass ich im Bezug auf diesen Wilderer die Füße still halten sollte?"
Alaine drehte die Ohren und hob den Kopf. Der Officer war clever. Genau in diesem Moment erwiderte er ihren Blick. Sie zuckte innerlich zusammen. Es war vielleicht nur Einbildung, doch sie hatte das Gefühl, dass er direkt in sie hinein schauen konnte.
"Sie wurde angeschossen. Möglicherweise von einem Jagdgewehr?", fügte der Officer hinzu. Eine Weile blieb sein Blick an dem jungen Luchs haften, dann sah er Doktor Harding prüfend an. Der Arzt schwieg, denn jeder hier im Raum kannte die Antwort bereits.
"Verdammt, Doktor. Das was Sie hier abziehen ist Selbstjustiz. Sie können sich nicht einfach über das Gesetz stellen und ihren Wächter oder was auch immer auf einen Wilderer hetzen."
"Zudem werden wir Sie auch noch darum bitten, Stillschweigen hier rüber zu bewahren."
Officer Bennet schnappte nach Luft.
"Bitte urteilen Sie nicht zu schnell über diese Sache. Die Leute hier sind keine schießwütigen Hinterwäldler und Alaine und Nathan auch keine übermächtigen Racheengel. Es hat sich nur gezeigt, dass wir hier draußen besser selbst einige Dinge regeln, bevor die Behörden auf den Plan gerufen werden und kleine Dinge plötzlich anfangen große Kreise zu ziehen. Wir bleiben nun einmal gerne unter uns. Und bitte denken Sie nichts Falsches von Alaines Vater. Es ist nicht das erste Mal, dass er Wilderer vertreibt. Er wird dem Mann nichts Schlimmes antun. Angst ist viel mächtiger als irgendwelche Geld- oder Haftstrafen."
"Das adelt sein Vorhaben aber auch nicht gerade", entgegnete der Officer. Alaine spürte, wie er innerlich mit sich rang. Es war ihm nicht zu verdenken. Schließlich war die Welt wie er sie kannte heute schon gehörig auf den Kopf gestellt worden. Ein Hauch von Mitleid meldete sich in ihr.
"Was wollen Sie denn tun?", fragte Doc Harding nun ein wenig schärfer, "Wollen Sie Nathan dafür anzeigen, dass er dem Wilderer ein paar deftige Alpträume beschert und ihm einbläut, dass er nicht wieder her kommen soll, wenn ihm sein Leben lieb ist? Oder kreiden Sie es mir an, dass ich Alaine nicht den Umweltbehörden melde, weil sie einmal Appetit auf Biber statt Burger hat? Denken Sie bitte genau darüber nach. Wir leben hier alle so friedlich beisammen, weil wir uns gegenseitig den Rücken frei halten und eben für die meisten Ämter und Institutionen gar nicht wirklich existent sind. Wir fallen nicht auf und daher kümmert sich keiner um uns."
"Und da gedenke ich, Ihr kleines Paradies zu stören. Ich bin hier her versetzt worden, um sicher zu stellen, dass auch hier geltendes Recht eingehalten wird. Was sollte ich also Ihrer Meinung nach tun?"
Die Stimmung drohte zu kippen. Wenn die beiden Menschen so weiter machten, würden sie sich heute noch im Streit trennen. Alaine missfiel dieser Gedanke. Sie mochte Doc Harding und im Grunde war der Officer bislang auch nur nett zu ihr gewesen. Entgegen ihrer schweren Glieder rappelte sie sich auf und glitt von der Couch herunter. Unter den etwas überraschten Blicken der beiden Männer trat sie an Officer Bennet heran und legte ihr Kinn auf sein Knie. Ihre Geste riss beide völlig aus deren Diskussion heraus und während der Arzt nur stillschweigend lächelte, starrte der Officer sie fragend an.
"Was?", fragte er und wusste plötzlich auch gar nicht mehr wohin mit seinen Händen. Da sie nicht antworten konnte, herrschte erst einmal Schweigen im Raum. Schließlich erhob Doc Harding aber nochmal das Wort.
"Die Wege Manitus sind nicht immer direkt zu verstehen", erwähnte er mit ruhiger Stimme, "Vielleicht sollten wir hier jetzt nicht überstürzt handeln, sondern alle einmal in Ruhe darüber nachdenken, wie wir uns arrangieren können. Ich denke, das wäre in jedem Fall in Alaines Sinne."
"Vielleicht haben Sie Recht", lenkte Officer Bennet ein. Er stand auf und hielt dem Arzt die Hand hin, "Ich danke Ihnen für die Aufklärung und für die offenen Worte." Die beiden Männer schüttelten einander die Hände und verabschiedeten sich. Zufrieden mit sich selbst warf Alaine dem Arzt einen Blick zu und folgte dann dem Officer zur Türe.
"Und was wird das jetzt?", fragte dieser, als er sich seiner samtpfotigen Verfolgerin gewahr wurde. Doc Harding zuckte nur mit den Schultern.
"Das wird sie Ihnen erklären müssen."
Nur der Irrtum ist das Leben.
und das Wissen ist der Tod


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