Kleiner Vogel

Selbstgetextetes und Selbstgemaltes...

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Kleiner Vogel

Beitrag von Karne » 26.01.2012 00:14

"Siehst du das Kaninchen da drüben?", flüsterte der junge Neagaș und deutete auf das flauschige Tier, welches in einiger Entfernung saß und auf Blättern kaute. Der große Hund der neben ihm um Gebüsch lag sah ihn wissend an, verhielt sich aber ruhig.
"Los, das fangen wir!" Vosichtig kroch er aus dem Gebüsch heraus, gefolgt von dem Hund, doch das Kaninchen bemerke das Rascheln. Aufmerksam spitzte es die Ohren und sah sich um. Sofort hielt Neagaș stocksteif inne, doch es war bereits zu spät. Die Beute hatte ihn erkannt und ergriff die Flucht. In einem verzweifelten Versuch sprang Neagaș auf und wollte sich auf das Tier werfen, verfehlte es allerdings. Das Kaninchen war in das dichte Unterholz des Waldes geflohen.
Er wollte gerade aufstehen und den Hund ausschimpfen, dass der doch viel schneller sei und das Kaninchen leicht fangen könnte als er von einem Lachen abgelenkt wurde. Wütend funkelte er seinen Bruder an, der gerade auf die beiden gescheiterten Jäger zu kam. Sein Bruder war vier Jahre älter als Neagaș, was sich nur allzu oft deutlich zeigte.
"Du sollst wieder rein kommen, es gibt bald Essen", verkündete Mikás, noch immer grinsend. "Und du sollst Sina nicht immer mitnehmen." Ohne seinen Bruder weiter zu beachten ging Mikás den kurzen Weg zurück zu der Lichtung, auf der sie lebten.

"Komm rein, es gibt Essen", äffte Neagaș ihn nach und strich Sina über ihr dunkles Fell. Die Hündin hatte schon einige Jahre hinter sich und gehörte eigentlich seinem Vater, aber sie war eine treue Gefährtin und kam bereitwillig mit auf Neagaș' Abenteuer.
Kurz bevor sie die Lichtung erreichten wurde Neagaș von einem leisen piepsen abgelenkt. Das Essen und sein Bruder waren sofort vergessen, der Vogel war von größerem Interesse. "Nicht!", befahl Neagaș und schob Sinas Schnauze zur Seite, als sie das kleine Küken beschnuppern wollte. "Du verschreckst es nur noch mehr." Vorsichtig kniete er sich neben den kleinen Vogel und sah hoch in den Baum. Das Nest konnte er natürlich nicht von unten erreichen, aber auch hochklettern würde er nicht mit einer Hand können. Die andere würde er schließlich brauchen, um das Küken festzuhalten.
"Komm, kleiner Vogel..." Vorsichtig formte er mit dem unteren Rand seiner Tunika eine Art Beutel, in dem er das Küken barg. In der Dunkelheit und Wärme wurde es etwas ruhiger. Aufgeregt lief er damit ganz nach Hause.

Es war kein großes Haus, was dort auf der Lichtung vor ihm stand. Aber sie lebten hier auch nur zu viert. Zumindest, solange man von Menschen sprach. Tiere gab es hier sehr viel mehr, neben Sina kamen hier noch zwei Katzen, ein Pferd, ein Pony und ein Hase unter, den Neagaș vor ein paar Wochen mit nach Hause gebracht hatte. Und nun das kleine Küken.

"Guck' mal!", forderte Neagaș die anderen auf als er ins Haus kam und gab vorsichtig den Blick auf das Küken frei. Sein Vater und Bruder schüttelten nur den Kopf, wohingegen seine Mutter ihn tadelnd ansah.
"Neagaș, wo warst du schon wieder? Du hast die Sachen heute morgen sauber angezogen. Und woher hast du schon wieder ein Küken?"
"Darf ich es füttern?", fragte er hoffnungsvoll und ohne auf die eigentlichen Fragen zu antworten. Sina war zu ihrer Decke neben der Feuerstelle zurückgekehrt und hatte sich dort niedergelassen.
"Ein Küken kann nicht hier bei uns leben", versuchte Danae zu erklären und ging in die Hocke, um mit ihrem Sohn auf einer Augenhöhe zu sein.
"Ich kann es füttern!", widersprach Neagaș. "Ich fange ihm Käfer und leckere Würmer und sammle Beeren...."
"Neagaș....", sie legte ihm eine Hand auf den Arm, "kannst du ihm auch das Fliegen beibringen? Oder ihm den Weg in den Süden zeigen, wenn es Zeit für den Vogel ist, dorthin zu ziehen?"
"Aber...."
"Kein Aber. Fange ihm ein oder zwei Würmer, und dann bring' ihn zurück dahin, wo du ihn gefunden hast."
"Ich komme aber nicht an das Nest", antwortete er und sah bittend zu seinem Vater.
"Nach dem Essen", antwortete dieser. "Geh und wasch dir die Hände. Und lass den Vogel draußen."
Glücklich nickte Neagaș und lief raus. Dort suchte er einen Eimer, in den er frisch ausgerupftes Gras und Blätter warf um dann den Vogel vorsichtig hinein zu setzen. "Ich komme gleich wieder...", versprach er dem Tier und stellte den Eimer so hoch, wie er konnte, damit die Katzen ihn nicht erreichten.

"Wo hast du deinen Vogel eigentlich gefunden?", fragte Szilas beiläufig und ließ sich von seinem Sohn den Ort beschreiben. Erst an diesem Vormittag hatte er ein paar edle Pelze an einige Damen der Stadt verkaufen können, so dass er mehr Nachsicht mit Neagaș zeigte als sonst. Sie waren keine Familie die zu einem Leben in Armut verdammt war, doch der abgeschiedene Wohnort mitten im Wald war Anlass genug für viele Gerüchte und Spekulationen. Die wenigen Male die einer von ihnen in die Stadt kam reichten nicht aus, um dagegen zu halten. Umso mehr wurde jede Gelegenheit dazu genutzt, unter andere Menschen zu kommen.
"Dann werde ich ihn nachher zurück in sein Nest bringen."
"Aber erst, wenn ich ihn gefüttert habe", protestierte Neagaș. Er sprang auf, sobald der letzte sein Besteck niederlegte und rannte nach draußen. Die kleine Schaufel war in der gut aufgeräumten Werkstatt schnell gefunden und die Würmer im Unterholz am Rande der Lichtung auch. Mit zwei Regenwürmern in der Hand lief er zurück zu dem Eimer, um ihn wieder runter zu holen. Zu seiner großen Erleichterung saß der Vogel noch genauso darin wie er ihn zurückgelassen hatte.
"Hier, leckere Würmer für dich." Auffordernd hielt er dem Küken einen Regenwurm hin. Der wand sich zwar um den Finger des Jungen, doch der Schnabel des Vogels fand ihn zielsicher und hinderte ihn an jeder Flucht.

"Mama sagt ich darf ihn nicht behalten, also müssen wir ihn zurück zu seiner Vogelfamilie bringen", drängte Neagaș und zog an der Hand seines Vaters, um ihn zum nach draußen gehen zu bewegen.
"Ich komme ja schon...." Sein Blick glitt aus dem Fenster, wo eine Katze sich gerade zu dem Eimer schlich, den Neagaș dieses Mal auf dem Boden stehen lassen hatte. Bevor einer von ihnen draußen sein könnte hatte sie ihre Pfote schon darin versenkt.
"Wie wäre es, wenn du stattdessen deiner Mutter hier drinnen hilfst und ich den Vogel zurück bringe?"
"Ich will aber nicht drinnen sein, ich will den Vogel selber wegbringen. Ich hab' ihn doch auch gefunden!"
Ein Blick zu seiner Frau genügte für Szilas, damit sie ihm beisprang.
"Du wolltest mir doch die Pfeile zeigen, die du gebaut hast."
Neagaș ließ die Hand seines Vaters los und sah zu den Bögen und Köchern, die neben der Tür an der Wand hingen. Dann sah er wieder zu seinem Vater auf. "Aber sag ihm, dass ich bald nach ihm sehen werde, ja?"
"Werde ich", antwortete Szilas. Rasch zog er die Tür wieder hinter sich zu, bevor sein Sohn einen Blick nach draußen erhaschen konnte. Er war besser, wenn er das Elend nicht sah, was die Katze angerichtet hatte. Geduldig sammelte er die hinterbliebenen Federn auf und leerte den Eimer, bevor er ihn zurück an seinen Platz stellte. Bei vermutlich jedem anderen Tier hätte er Neagaș das machen lassen, doch Vögel schienen dem Jungen mehr als heilig zu sein. Und darauf, dass er drei Tage lang todtraurig war konnte er verzichten, das war so ein kleines Küken, welches aus dem Nest geschubst und dabei vermutlich verletzt worden war, sicherlich nicht wert.


In der Nacht träumte Neagaș von vermutlich hundert Wegen, wie er einem kleinen Vogel das Fliegen beibringen konnte. Nächstes Mal, das stand für ihn schon jetzt fest, würde er es schaffen und ihn nicht zurückbringen müssen....
Zuletzt geändert von Karne am 27.01.2012 22:39, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Kleiner Vogel

Beitrag von Death of Fantasy » 26.01.2012 10:19

Armer Nea, so böse ausgetrickst zu werden... Das ist gar nicht nett. *patta*

btw: Karni, Snowy! Ich bin fertig... *freu*
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Re: Kleiner Vogel

Beitrag von Karne » 26.01.2012 15:06

Er weiß ja nicht, dass dar Vogel tot ist. Und wird es auch nie erfahren ^^




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Re: Kleiner Vogel

Beitrag von Death of Fantasy » 26.01.2012 15:10

Trotzdem finde ich es fies.

Das (Mini-)Projekt von gestern und vorgestern^^ ;)
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Re: Kleiner Vogel

Beitrag von Schneemaehne » 26.01.2012 15:18

Irgendwie ist der kleine Neagas total niedlich^^ Seine Mutter hat bestimmt alle Hände voll zu tun - wobei, sein großer Bruder und er haben sich bestimmt auch ganz besonders lieb *hust*
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Re: Kleiner Vogel

Beitrag von Lynx » 27.01.2012 13:39

Uhm, mehr?
Also die Großen Abenteuer eines kleinen Jungen im Wald würden mich schon interessieren. :)
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Re: Kleiner Vogel

Beitrag von Schneemaehne » 27.01.2012 15:34

Oh ja! Da muss den ganzen Tag ja etwas los sein^^ *gespanntist*
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Re: Kleiner Vogel

Beitrag von Karne » 27.01.2012 23:11

Ich hab noch mindestens zwei Ideen für den jungen Neagaș ^^

Mal sehen, ob und wann ich zum schreiben komme. Wobei ich selbst auch sagen muss, Neagaș so zu schreiben wie er eigentlich geplant war hat auch Spaß gemacht.


Oh, und ich hab ein paar Wörter in der Geschichte verändert. Nichts großes, aber bei der Aufzählung, wer denn da lebt sind noch ein Pferd und ein Pony dazu gekommen, die ich vorher vergessen hatte ^^'

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