Beitrag A

Hier landen alle Texte der Schreibwettbewerbe...

Moderator: Moderatoren

Antworten
Benutzeravatar
Lynx
Hüterin des Hains
Beiträge: 4366
Registriert: 21.01.2005 15:38
Antispam: Nein
Bitte die mittlere Nummer angeben (3): 3
Wohnort: In den Tiefen des Hains

Beitrag A

Beitrag von Lynx » 12.02.2012 12:55

Achtung!
Dieser Text stammt nicht von mir. Er wurde im Ramen eines Wettbewerbes von einer anderen Person verfasst. Der Autor wird nach der Abstimmung bekannt gegeben.
Ich selber distanziere mich von allen Inhalten und Ansichten der folgenden Zeilen ;) .


Der Abend fühlte sich furchtbar kalt an. Wer es genau nehmen wollte, der könnte nun widersprechen und behaupten, dass es sogar wärmer war als in den letzten Tagen. Trotzdem, die klirrende Kälte, der Frost und der Schnee waren einfacher zu ertragen gewesen. Ab und zu, wenn sie aus der Straßenbahn ausgestiegen war, hatte sie sogar die Handschuhe weg gelassen und sich spielerisch ein wenig Schnee genommen, nur um die Finger in die immer fester werdende kalte Masse zu drücken.
Nun aber war der Wind gekommen und mit ihm der Regen. Sie beide hatten den weißen Zuckerguss auf den Gebäuden hinunter gewaschen, bis sich die hässlichen grauen Wände dahinter wieder zeigten. Hier und da lag noch ein vereister Rest, dreckig und kalt. Eine letzte Bastion des Winterzaubers in einer Stadt, dessen Bewohner nun die Krägen hochschlugen und die Regenschirme in den klammen Fäusten fester packten. Sie selbst schob den dicken Wollschal höher über Mund und Nase und versuchte zumindest den größeren Rinnsalen auf dem Bürgersteig auszuweichen. Schaufenster glitten links von ihr vorbei. Vorsorge in der Erkältungszeit. Hustenbonbons mit echtem Honig. Schlittschuhe, Sonderangebot, jetzt bis zu 30% Rabatt auf Restbestände. Männerhaarschnitt ab 15€. Vor einem Klamottenladen blieb sie stehen. Passend zum Tag war alles rosa und weiß geschmückt, herzförmige Luftballons vervollständigten das Bild. Starr und leblos präsentierten die Schaufensterpuppen dicke Winterjacken mit Fellkapuze, eine Jeans im used-look - Gürtel inklusive – und allerhand Schnickschnack um der Liebsten heute eine ganz besondere Freude zu machen. Ein T-Shirt zog ihren Blick auf sich, es war mit seinem einfachen Grau und einfachen Schnitt geradezu auffällig unauffällig. „No boyfriend, no trouble“ verkündete die glitzernde Schrift aus Strassteinchen und Paletten. Für eine Sekunde überlegte sie sich, ob es wohl eine Investition wert war. Aber warum? Damit forderte man nur dumme Fragen heraus und glitzerndes trug sie sowieso kaum. Da lieber einen der Mäntel, wären sie nicht so furchtbar hässlich. Entweder stimmte etwas mit ihr selbst oder den Modeschöpfern nicht, auf jeden Fall empfand sie jeden neuen Trend hässlicher als den vorherigen. Nicht mehr lange und man würde das Abba-Kostüm von Fasching auch zur Arbeit tragen können…

Als sie endlich die Haustüre aufschloss und die Wärme der kleinen Doppelhaushälfte ihr entgegen strömte, entschlüpfte ihr beinahe ein erleichterter Seufzer. Langsam schälte sie sich aus den dicken Schichten Kleidung, dann tappte sie im Halbdunkeln in die Küche. Sie kannte jede Kante und Ecke der kleinen Wohnung auswendig, dazu sandte die Sonne noch ihre letzten Strahlen über das Nachbardach hinweg zu ihr herüber. „Zira, wo steckst du denn meine Süße?“ Normalerweise hockte die Katze bereits auf der Fensterbank und verlangte ungeduldig danach, hereingelassen und gefüttert zu werden. Heute aber waren sowohl Fensterbank als auch der kleine Garten dahinter leer. Schwungvoll öffnete sie das Fenster, schnappte sich den Karton mit dem Katzenfutter und raschelte ein wenig damit. „Ziraaaa! Komm schon, hier wird es kalt.“ Ohne darauf zu warten, dass die Gerufene tatsächlich kam, drehte sie sich um und begann in der kleinen Küche ihr eigenes Abendbrot zuzubereiten. Schokomüsli und drei Bananen waren noch da, dazu ein paar Rosinen vom weihnachtlichen Backen. Kurzerhand suchte sie ihre Lieblingsschüssel aus dem Geschirrschrank und mischte alle drei Sachen mit etwas Milch zusammen. Noch ein wenig Kakaopulver drüber, fertig. Wenn andere heute Essen gingen oder sich kiloweise Pralinen schenkten, waren diese kleinen Sünden bestimmt auch erlaubt.
„Zira, wo – ach, da bist du ja.“ Das sonderbar laute, raue Schnurren konnte nur von ihrer Savannah stammen. Sie drehte sich um, in der Erwartung die schlanke, hochbeinige Gestalt im Rahmen sitzen zu sehen. Auch wenn die eigenwillige Samtpfote seit nun fast drei Jahren bei ihr wohnte, so war sie immer wieder erstaunt über ihre Schönheit. Und tatsächlich saß das kleine gefleckte Raubtier dort, allerdings war das silberne Fell ums Maul herum Blut verschmiert – und zwischen den Reißzähnen zappelte mit letzter Kraft ein Spatz.
Was danach passierte, lief wie in Zeitlupe ab: Sie stellte die Schüssel hastig ab und hechtete zum Fenster, um das schlimmste zu vermeiden, Zira hüpfte mit einem geschmeidigen Satz auf den Boden, maunzte – und ließ dabei den Vogel los. Sofort flatterte das arme Tierchen los, ihr genau entgegen. Vor Schreck duckte sie sich, der Spatz flog über sie hinweg, flatterte hektisch gegen Wände und gegen die Decke. Fluchend sah sie ihm zu und griff dann zögerlich nach dem Nudelsieb. Vielleicht konnte sie das verschreckte Tier doch noch retten… Kaum war er aber in Reichweite schoss Zira an ihr vorbei und sprang danach. Ganz wie ihre wilden Vorfahren griff sie den Vogel mit den Vorderpfoten aus der Luft, landete auf den Hinterbeinen und bereitete dem Elend mit einem üblen Knirschen von Zähnen auf Knochen ein Ende.
Einige Herzschläge war es still in der kleinen Küche, Besitzerin und Katze wechselten vielsagende Blicke. Dann ließ ein Klingeln an der Tür sowohl sie als auch Zira zusammen zucken. Leise fluchend bedachte sie die Katze mit einem weiteren tadelnden Blick, dann eilte sie zur Tür. Die Entschuldigung schon auf den Lippen machte sie auf – und sah niemanden. Verwirrt sah sie nach links und rechts. Es war niemand da. „Was zum…“ Sie schlüpfte in ihre Schuhe und wollte bis zur Straße gehen, vielleicht war es ja wieder ein besonders ungeduldiger Postbote. Dann aber entdeckte sie auf ihrer Fußmatte etwas, was sie zuvor übersehen hatte: Dort lagen, in kitschiges rosa Papier eingeschlagen, einige Rosen, zusammen mit einer herzförmigen Pralinenschachtel. Verwundert hob sie beides auf. Keine Karte, kein Anhänger. Nicht einmal das Papier verriet den Blumenladen, aus dem ihr Geschenk stammte. Rosen und Schokolade im Arm ging sie jetzt doch noch bis zur Straße, konnte aber nur die übliche Anzahl an erleuchteten Fenstern und parkenden Autos erkennen. Und von denen kam ihr auch keines unbekannt vor.

Wenig später saß sie am Küchentisch, die Rosen und Pralinen fein säuberlich vor sich hingelegt und abwesend in ihrem inzwischen ziemlich matschigen Müsli herumrührend. Neben ihr hatte sich Zira dankenswerterweise durch ihr normales Futter und ein Schälchen Milch von dem Spatzen ablenken lassen. Der lag jetzt draußen auf der Fensterbank. Morgen, bevor es zur Arbeit ging, würde sie versuchen ein kleines Loch in den Boden zu graben und ihn hinten bei den Rhododendren zu begraben. Seufzend ließ sie ihren Blick über die Blutflecke an den Wänden und sogar an der Decke gleiten. Dem unwissenden Besucher würden sie sicherlich nicht sofort ins Auge fallen, aber sie selbst störten die kleinen Spritzer Rot bereits jetzt. Nachdenklich betrachtete sie die Blumen, bevor sie sich einen Löffel in den Mund schob. „Rosen, Blut und ein Hauch von Tod“, meinte sie kauend zu ihrer Katze, „das ist mir eindeutig genug Ärger, auch ganz ohne boyfriend.“ Als Antwort beendete Zira ihr Abendessen und begann schnurrend um ihre Beine herumzustreichen. Lächelnd beugte sie sich herunter und kraulte sie zwischen den großen Ohren. „Aber was nicht ist kann ja noch werden, oder Süße?“ Der Blick aus den großen strahlendblauen Katzenaugen schien Bände zu sprechen. Und zumindest für heute genügte ihr das.
Nur der Irrtum ist das Leben.
und das Wissen ist der Tod


-I believe whatever doesn't kill you simply makes you ... stranger.-

[Admin bitte nicht füttern!]

Antworten